Gestern hat mir meine Schwiegermutter von einem auf den ersten Blick waghalsigen Unternehmen berichtet, das mich dazu inspiriert hat, hier zu dem Thema Risiko zu schreiben. Sie machte eine Rundreise durch Usbekistan und ging als eine von lediglich drei (erheblich jüngeren) Reisenden das Abenteuer an, einen Berg bis zum Gipfel zu besteigen. Na ja, oder vielmehr zu erklettern, was ihr aber im Moment der Einwilligung nicht so ganz klar war. Sie trug glatte Schuhe, klagte zu Beginn der Reise über Hüft- und Knieprobleme und zählt beachtliche 70 Lenze.

Nun würde jeder selbsternannte Realist sagen, dass es doch Wahnsinn sei, in einem völlig fremden Land ungeübt auf einen steilen Berg zu kraxeln. Aber das Erlebnis, das sie hatte, machte sie stark und glücklich. Und sie ist heil und ohne jegliche Schmerzen unten angekommen, wo ihr sonst jede Treppenstufe Qualen bereitet. Nicht ohne bis aufs Äußerste gefordert worden zu sein, aber mit einem reichen Erfahrungsschatz und der Erkenntnis, dass sie noch zu Großem in der Lage ist. Einen Unfall mit Beinbruch erlitt sie übrigens letztes Jahr gehend auf ihrem eigenen Grundstück.

Ich denke, dass sich die Menschheit ohne Risiko noch in der Steinzeit befinden würde. Sämtliche Pioniere, sämtliche wegweisenden Wissenschaftler und Erfinder gingen ein Risiko ein. Jeder Jäger und jede Sammlerin musste zunächst ein Risiko eingehen, bis sie den Bogen raushatten. Wegbereiter müssen ein Risiko gehen. Das Leben der Gabe ist ein Risiko. Immer wird es Menschen geben, die versuchen werden uns auszureden, ein Risiko zu gehen. Sei doch viel zu gefährlich, beispielsweise die sichere Arbeit für seine Berufung und seine Leidenschaft aufzugeben.

Ich werde zugegebenermaßen immer etwas kribblig, wenn Mütter nahe an der Hysterie ihre Kinder 20 Meter vor jeder Straße anschreien, dass sie anhalten sollen. Oder dass sie nicht so hoch klettern sollen, weil sie sonst runterfallen. Sie sagen dabei fast immer, dass sie runterfallen und nicht runterfallen könnten, was in geschätzten 90 % der Fälle eine Falschaussage ist und in den verbliebenen zehn Prozent das Runterfallen vielleicht überhaupt erst auslöst. Natürlich gibt es auch mal Un- oder Reinfälle. Aber ohne es erlebt zu haben, hätten wir weniger Erkenntnis. Mir scheint auch, dass Unbewusstheit der weit größere Faktor für Unfälle ist, als irgendwelche scheinbar objektiven Gefahren. Wenn mein Kind von der Schule alleine nach Hause geht und besorgte Mütter die Hände über dem Kopf zusammenschlagen, weiß ich für mich, dass sie alleine sehr aufmerksam sind und an jeder Straße lieber zu lange stehen bleiben, als waghalsig loszustiefeln. Menschen mit der nötigen inneren Sicherheit durch ausgiebiges Training können ungesichert auf einem Seil zwischen den World Trade Centern balancieren oder ohne jegliche Sicherheitsseile eine Vierhundert-Meter-Wand erklimmen. Sind diese Menschen unverantwortlich oder wissen sie einfach, dass sie die Kontrolle haben? Würde man einem Affen sagen, dass es furchbar gefährlich ist, durch die Baumkronen zu hopsen? Nein, weil er es kann. Allerdings wird er es nicht gedankenverloren, sondern fokussiert tun. Und das ist meiner Ansicht nach der große Knackpunkt. Wenn wir uns richtig einschätzen, wenn wir bewusst ein Risiko eingehen, dann ist die Gefahr sehr viel geringer, als wenn wir unbewusst oder voller Angst etwas Unüberlegtes tun. Manche sagen, dass Angst wichtig ist. Ich denke, dass Adrenalin wichtig ist und dass Aufmerksamkeit wichtig ist. Wir wissen tief in uns drin, welches Risiko wir für uns eingehen können. Nicht jeder sollte mal eben Hochseilartist werden. MUT ist ein Anteil BEDINGUNGSLOSER LIEBE und sollte keinesfalls mit Waghalsigkeit verwechselt werden. Auf jeden Fall weiß ich definitiv, was ich nicht werden will und was ich für mich als lebensunwürdig betrachte: Ein angsterfüllter Risikovermeider zu sein.