Ummantelt von Schneeregen befinde ich mich gerade schlappe 8 ½ Zugstunden von der Hauptstadt entfernt in Konstanz am Bodensee. Deshalb auch die lange textfreie Durststrecke. Gestern sollte mir aber schließlich doch der Aufhänger für diesen aktuellen kleinen Text ins Gesicht springen.
Ich besuchte mit meiner Familie und unseren Gastgebern das berühmte Münster von Konstanz. Die dem Altar gegenüberliegende Seite wimmelte nur so von morbiden Motiven: Ein Bischof oder Papst mit Totenkopf anstelle eines Kopfes, Totenköpfe unter den Armen irgendwelcher Leute, Skelette wohin das Auge blickte. Schon seltsam, was in diesen sogenannten Gotteshäuser so rumhängt. Aber auf das Merkwürdigste sollte mich mein Freund hinweisen. Er saß auf einer Kirchenbank, den Kopf in den Nacken gelegt. „Guck mal nach oben“, forderte er mich grinsend auf. Also dehnte auch ich meinen Kopf gen Rücken und blickte in die Mitte der Kirchendecke. Und was glotzte mich da an? Ein Auge, eingebettet in ein Dreieck, umgeben von einem Strahlenkranz. Das Ganze an einem äußerst exponierten Platz. Genau in der Mitte der Decke, alles unter sich habend, alles sehend. Handelt es sich bei diesem Auge eigentlich um ein christliches Symbol? Steht davon in der Bibel? Soll es vielleicht das Auge Gottes sein? Also das Symbol Gottes? Hm, Gott wird ja eigentlich nie explizit dargestellt und ich habe als Katholik, der bis zum zwölften Lebensjahr jeden Sonntag brav in der Kirchenbank Platz nahm, noch nie vom göttlichen Auge gehört, aber wer weiß… Was das allsehende Auge überhaupt ist? Mal überlegen… Irgendwoher kenne ich das doch… Irgendwo ist mir das doch schon mal begegnet… Ach ja, ich Dummerle, auf dem 1-Dollarschein thront es doch anstelle der Spitze auf einer unfertigen Pyramide! Hat aber bestimmt nichts zu bedeuten. Zufall, dass es überall auftaucht, in christlichen Kirchen, dem Dollarschein, in den Logos von AOL und CBS, an der Tür von Baptistenkirchen, auf Freimauerwappen, dem Siegel der USA…

Das Böse in Herr der Ringe, Sauron, wurde doch auch noch als allsehendes Auge dargestellt. Wieder so ein Zufall.
Tja, nach Ansicht dieser wirren Verschwörungstheoretiker handelt es sich bei dem Auge ja um ein zentrales Motiv der sogenannten Neuen Weltordnung. Einer Ordnung, der noch ein Stein zur Vollendung fehlt. Einer Ordnung, die sich durch totale Kontrolle und Zentralisierung auszeichnen soll. Sie soll sich aus einer Weltregierung (UNO?), einer Weltarmee (NATO?), einer Weltbank (IWF?) und einer (stark dezimierten) Bevölkerung zusammen setzen, die auch noch mit einem implantierten RFID Chip ausgestattet werden soll. Bestimmt paranoider Unsinn, oder? Und wenn, dann wäre es doch garantiert eine total sichere Welt. Außerdem wäre es auch irre praktisch ohne Bargeld oder Karte einzig und allein mit dem Chip unter der Haut einkaufen zu gehen oder beim Arztbesuch keine Krankenkassenkarte mehr mit sich rumschleppen zu müssen, weil sämtliche persönliche Informationen, die Steuernummer, die Kontoverbindung usw. auf diesem Chip gespeichert sein würden. Kinder würden auch nicht mehr verloren gehen, weil man sie immer orten könnte. Da kann man doch von etwaigen Schwierigkeiten absehen, die es mit sich bringen könnte, wenn ein paar wenige über den Zentralcomputer wachen würden, in den sämtliche Daten eines jeden Menschen eingespeist wären.
Und das Auge? Ist bestimmt einfach ein hübsches Motiv. Das dachten sich auch multinationale Konzerne, menschenliebende Religionen, liebreizende Anti-Terror-Organisationen und natürlich die Designer des Siegels und des Dollar-Scheins der USA. Und was steht da überhaupt drunter? Moment, schau mal gerade nach. Novus Ordo Seclorum. Heißt soviel wie: Die neue Weltordnung. Ah, ha. Muss mir mal einer erklären, was diese neue Ordnung genau bedeuten soll.

Hat ja der alte Bush auch schon mal in einer Rede in den Mund genommen, die, Achtung, am 11. September, exakt 11 Jahre vor 9/11 gehalten wurde, was natürlich wieder einer dieser Zufälle ist. Auf einem Familienfoto der Bushs hat George senior übrigens eine kleine Pyramide mit einem Auge drauf auf seinem Bauch liegen. Süß, oder? Die Bushs wollen doch nur das Beste für uns alle. Eine sichere Welt ohne Krieg, nehme ich an. Und was für uns gut ist, weiß bestimmt eine kleine Elite, die in unserem Sinne handeln würde. Diese lästigen Wahlen wären da doch überflüssig. Es wäre schließlich sicher. Wie in einem riesigen, globalen Knast. Und das Auge würde immer über uns wachen. Wie eine Mutter. Wie im heimeligen Konstanzer Münster.