Während mir die Idee gekommen ist, eine kleine Serie über offizielle Systeme zu verfassen, dachte ich auch sofort daran, klarzustellen, dass ich niemandem persönlich zu nahe treten möchte und dass ich anerkenne, dass viele Menschen mit Herzblut in offiziellen Systemen arbeiten. So auch in der Schule. Es gibt selbstverständlich Lehrer, die Schüler inspirieren, die mit den Schülern ein gemeinsames Ziel haben. Mein Vater war Lehrer, und ich liebe und achte ihn. Aber geht es dem Schulsystem um Förderung und Persönlichkeitsbildung oder um Selektion und Beurteilung? Fördert Schule freies oder doch eher angepasstes Denken? Bereitet Schule auf das Leben vor? Macht sie glücklich? Auf welche Qualitäten kommt es an, wenn man das System Schule erfolgreich durchlaufen möchte? Und was soll laut Lehrplänen überhaupt gelehrt werden und was nicht?
Vorweg möchte ich Dir eine Begebenheit meines ersten offiziellen Schultages erzählen:
Meine erste Klassenlehrerin hieß Frau Ungewitter. Um genau zu sein Fräulein Ungewitter. Darauf bestand sie. Fräulein Ungewitter wohnt bis heute mit ihrer Schwester in einem geradezu verwunschenen Haus: Zurückgesetzt. Groß. Über und über mit Efeu berankt. Die Sicht versperrt durch gewaltige Eichen.
Fräulein Ungewitters Gesicht erinnerte an ein verschlagenes Nagetier. Ihr vorderen Schneidezähne durchbrachen im neunzig Grad Winkel ihre dünnen Lippen. Immer wachsam starrten sie einen an. Angriffslustig. Vielleicht ein bisschen keck, was mir damals als kleines Kind – ohne Freunde, schüchtern und ängstlich an seinem ersten Schultag – allerdings nicht aufgefallen ist. Dafür umso mehr der angsteinflößende Aspekt. Die silbrig weißen Haare fixierte Fräulein Ungewitter mit Haarnadeln. Ihren Hinterkopf schmückte ein Dutt, der sich selbst bei ordentlichem Durchschütteln keinen Millimeter bewegt hätte. Sie trug meist Pullover in gedeckten Farben und ähnlich farbenunfrohe Jersey- oder Strickhosen.
Wir sollten Wellen malen. Endlose, miteinander verbundene Schreibschrift-C´s. Ich hatte so meine Schwierigkeiten. Genau genommen konnte ich der Aufgabe nicht in Entferntesten gerecht werden. Panik wuchs in mir heran und machte es sich gemütlich, um fetter und fetter zu werden. Meine Hand zitterte. Mir fehlte jeglicher erforderlicher Schwung. Ungelenke Fetzen krakelten sich auf mein Papier. Ich wurde immer verzweifelter. Den Tränen nahe. Immer stärker schwitzend. Sah, wie meine Mitschüler zufrieden die Stifte fallen ließen.
„Na, Klein-Hampfi, noch nicht fertig?“, zischte Fräulein Ungewitter in meine Richtung. Sie nannte mich immer Klein-Hampfi. Mein Zustand ließ keine Antwort zu. Sie schritt auf mich zu. Nahm zu meinem Entsetzen mein Heft in die Hand. Sah es an. Ihre Augen weiteten sich. Hielt es für alle sichtbar in die Luft. Und sprach mit spöttischer Stimme unter allgemeinem Gelächter die Worte, die ich mein Leben lang niemals vergessen werde: „Was ist denn das für ein Gekrickel?“
Tja, so einen Start in seine Schulkarriere wünsche ich niemandem. Die Geschichte hat mich jedoch nicht so traumatisiert, dass ich deswegen Schule perse verdamme. Denn glücklicherweise hat sich in der Form des Unterrichts bereits vieles zum Guten gewandelt. Zumindest in der Grundschule. Weg vom Frontalunterricht, hin zu individuellem Lernen, Gruppenarbeiten, Freiarbeit. Aber dies geschah eher durch einen Gesellschaftswandel, als durch die Bildungs-Politik. Und was ist überhaupt der Auftrag der Schule? Es soll doch möglichst ein einheitlicher Wissensstand erreicht werden. Was gewusst werden soll, geben die Lehrpläne nebst Lehrbüchern vor. Erfüllt der Schüler genau das, was er soll, ist er erfolgreich in der Schule. Dazu gehört die weitgehend unkritische Wiedergabe des Erlernten und ein gutes Verhältnis zum Lehrer, das zumeist dadurch zu Stande kommt, dass der Schüler tut, was der Lehrer möchte. Der Schüler sollte nicht negativ auffallen, was unter anderem heißt, nicht allzu kritisch zu sein. Wenn der Schüler das korrekt wiedergibt, was von ihm verlangt wird, wird er gut beurteilt. Die gute Beurteilung mithilfe guter Zensuren zeigt, dass er trefflich ins System passt, was wiederum dadurch belohnt wird, dass er gut in den weitereren Systemen Universität und Wirtschaft weiterkommt und er seine Kritikfähigkeit und Skepsis am Besten auf die Ansichten der Menschen bezieht, die gegen den Strom schwimmen. Was fördert denn das Schulsystem überhaupt an sogenannten Softskills, also Fähigkeiten, die eher von der Persönlichkeit ausgehen:
- erfolgreich lügen - Klappte bei mir auch hervorragend, indem ich mir in Kunst meine Bilder malen ließ und gute Noten abkassierte.Weiterhin können Schummeln und gefälschte Entschuldigungen von Vorteil sein.
- Egoismus und Konkurrenzkampf - Denn für sich behaltenes Wissen kommt einfach besser, als wenn viele die richtige Antwort haben.
- Heuchelei - Denn sich mit dem Lehrer gut zu stellen und bei ihm ein positives Image zu erzeugen, kann schon die halbe Miete sein.
- Angst vor dem Versagen, Angst vor schlechten Noten, Angst vor Gruppendruck, Angst vor den Lehrern
- Kritiklosigkeit und Hierarchieglaube - Sagt man das, was der Lehrer hören möchte und ordnet man sich ihm als Führungsfigur unter, wird man das System Schule erfolgreich abschließen.
- Die Gewissheit, dass Lernen eine Notwendigkeit ist, die keinen Spaß macht.
Natürlich gibt es andere, freie Schulformen, in denen die Schüler lernen können, was ihnen gefällt. Und Kinder wollen lernen. Sie sind begeistert dabei, neues zu lernen. Nur nicht unbedingt das, was sie müssen. Das Hauptproblem sind auch nicht unbedingt die Grundschulen, sondern eher die weiterführenden Schulen. Dort werden durch Selektion die Kinder gleich in Winner und Loser eingeteilt, bekommen ein mechanistisches Weltbild vorgeklatscht und lernen alles aus offiziellen Quellen. Und wenn diese Quellen Lügen wären? Als ein Schüler sich kritisch zum elften September geäußert hatte, wurde er von der Schule suspendiert. Es sei gefährlich, was er gesagt hatte. Richtig, gefährlich für das System.
Und in einem Monitor-Beitrag habe ich mal eine Lehrerin gesehen, die es schaffte, ihre Schüler derart zu begeistern, dass sie alle gute Noten hatten. Das gehe aber nicht, echauffierten sich ihre Kollegen. Sie müsse doch auch Fünfen verteilen. Und überhaupt, was werfe das für ein Licht auf sie, wenn in ihren Klassen die Schüler die gleichen Aufgaben viel schlechter lösten? Was geschah? Die ausgezeichnete Lehrerin war einfach zu gut für die Schule und wurde versetzt.
Es geht dem Schulsystem nicht um Bildung, schon gar nicht um Persönlichkeitsbildung. Es geht darum, Kinder mit einem Wissen zu befeuern, das den weiteren Systemen dient. Der Wirtschaft, der Medizin, der Justiz, den Medien, der Religion. Es geht dem System darum, die Kinder zu angepassten Duckmäusern zu erziehen. Und ich betone wieder, dass dies nicht der Entschluss einzelner Lehrer ist, sondern einfach im System begründet liegt. Und ich betone, dass natürlich nicht alles, was in der Schule geschieht schlecht ist. Aber es ginge so viel besser. Denn nirgendwo geht es in der Schule um Spiritualität, um LIEBE, um Nachhaltigkeit, um Veränderung, um FREUDE, um Weisheit, um Kreativität. Und warum sind überhaupt so viele Schulversager anschließend die wegweisendsten Köpfe unserer Gesellschaft? Brauchen wir das Wissen der Schule überhaupt? Und warum besteht überhaupt Schulpflicht? Warum dürfen Eltern ihre Kinder nicht zu Hause unterrichten, obwohl die Ergebnisse mitnichten schlechter sind, als wenn in der Schule unterrichtet wird? Ach klar, die könnten ja einfach die Kinder aus der Obhut des Staates entziehen. Das ginge aber doch wirklich nicht.
In jedem noch so schlimmen System blitzt glücklicherweise Menschlichkeit heraus, weil nun mal Menschen die Systeme füllen. So hatte ich einen ausgezeichneten Deutschunterricht, der mich positiv geprägt hat. Aber die Freiräume sind begrenzt, die Zwänge dagegen allgegenwärtig. Beim Abi muss neuerdings ganz Deutschland das gleiche Wissen abrufen. Das gleiche offizielle Wissen. Und es geht hier bedauerlicherweise nicht um WISSEN, sondern um das Wissen, das dafür verantwortlich ist, dass sich auf unserer Welt garantiert nichts zum Guten ändert. Nur das WISSEN, wer wir sind und warum wir überhaupt sind, verwandelt uns von einer Gesellschaft zu einer GEMEINSCHAFT.




