Ein wesentlicher Bestandteil für Zusammenleben aller Art ist Rücksicht. Und diese Rücksicht ist, wie ich finde, eine ganz schön kniffelige Angelegenheit. Auf wen sollte man Rücksicht nehmen? Auf die Schwächeren, Langsameren, Bedürftigen? Meistens schon, aber wenn man es immer tut, gibt es wenig Fortschritt im Großen. Und sollte eine Gruppe immer Rücksicht auf den Einzelnen nehmen oder vielleicht doch der Einzelne auf die Bedürfnisse der Gruppe? Schwierig, schwierig. Mich begleitet schon eine Leben lang dieses Thema. Meistens nehme ich auf Andere, die ich gar nicht so gut kenne, sehr viel Rücksicht und dafür widersinnigerweise auf meine nächst Stehenden sehr viel weniger. Es macht mich beispielsweise völlig kirre, wenn Andere meinetwegen warten müssen, weil wir gerade das Auto ausladen. Also lade ich ganz hektisch aus, um auf fremde Menschen Rücksicht zu nehmen, tue dies aber gleichzeitig bei meiner Familie nicht, die dadurch beeinträchtigt ist. Liegt es in der Natur der Rücksicht, dass immer jemand in den sauren Apfel beißen muss? Weshalb ich gerade über dieses Thema nachdenke, liegt am letzten Seminar von MARYAM. Rührend wie sie ist, gestattet sie allen Wesen zu kommen. Deshalb sind seit einiger Zeit auch Hunde anwesend. Das Problem ist dabei, dass sie natürlich unabhängig vom jeweiligen Inhalt des Seminars ihre Bedürfnisse haben. Also tollten sie quiekend in unserem Sitzkreis herum, spielten und kabbelten sich. Mich beeinträchtigte dieses wilde Szenario in der Konzentration und ich sah um mich herum, dass es anderen auch so ging, nur hatte keiner den Mut, etwas zu sagen. Aus Rücksicht und vielleicht aus der Angst, rücksichtslos gegenüber den Hunden zu sein. Außerdem ist es bei MARYAM so, dass sich viele nicht so richtig trauen, ihre Bedürfnisse mitzuteilen, weil sie denken, dass sie damit alleine dastehen oder denken, dass es unangebracht wäre. So empfinde ich es auf jeden Fall. Irgendwann machte ein bei einem offenen Abend anwesendes Kind gefühlte 50 Mal hintereinander mit irgendeinem Ding das gleiche nervige Geräusch und keiner sagte etwas, weil jeder dachte, dass wir doch alle so heilig sind, das Kind so nervig sein zu lassen, wie es eben ist. Das eigentliche Thema des Seminars war ja nun WAHRHEIT. Und wie ich so am Abend nach dem ersten Seminartag im Bett lag, dachte ich, dass es doch nicht sein kann, dass ich etwas denke, dass mich etwas beschäftigt, aber ich nicht den Mumm habe, es zu sagen. Also nahm ich mir bei der nächsten Hundeaction am nächsten Tag vor, zu sagen, was ich davon halte. Und das tat ich. Blöderweise habe ich eine heilige Feedbackregel verletzt, denn ich habe zwar gesagt, dass es meine Wahrheit ist, dass ich es störend finde, wenn sich die Hunde ein wüstes Duell liefern, aber ich habe auch die Vermutung geäußert, dass ich denke, dass nicht nur ich diese Wahrheit habe. Dem war auch so, mir wurde von Mehreren gleich ganz glücklich beigepflichtet, aber trotzdem habe ich nicht nur meine Meinung kundgetan, sondern auch für Andere gesprochen, was man nicht tun sollte. Ich habe es allerdings auch erstens deswegen gesagt, weil ich dachte, dass ich nicht der Einzige wäre, den das stört, sonst hätte ich es nicht gesagt und es war offensichtlich, dass der eine Hundehalter mit einem einzigen Pfiff das Hundegekabbel unterbinden könnte, wenn er denn gewollt hätte. Dieser reagierte auch etwas patzig. Er sagte, dass er fände, dass die Hunde lange still waren und dann doch wohl das Recht hätten, auch mal zu spielen. Ja, sagte ich, nur meine ich, dass dies nicht der richtige Rahmen für ein Hundespiel sei. Später sprach ich ihn noch einmal alleine an. Ich sagte, dass mich das einfach beschäftigte und dass es doch auch für ihn störend wäre, wenn ich beispielsweise ein Kind mitbringen würde, das die ganze Zeit mit einem Kochlöffel auf einen Topf drischt, während wir meditieren. Er sagte, dass er das mit den Hunden in Ordnung fand und dass ich, wenn ich ein Problem damit hätte, dem Hund beispielsweise mit inneren Bildern zeigen sollte, dass ich mit dem Spiel nicht einverstanden bin. Hm, nach normalen Maßstäben ist das natürlich schräg, was er sagte, aber hey, schräg bin ich schließlich auch. Aber wie ist es denn nun mit der Rücksicht? Wenn zum Beispiel mein Kind an einem Ort der Stille Rabatz macht, sollte ich denn dann als Vater nicht dafür sorgen, dass es sich den Rahmenbedingungen anpasst oder sollte ich darauf warten, dass jemand Anderes, der ein Problem damit haben könnte, sich an mein Kind wendet? Also ich für mich möchte nicht, dass Andere diesen Job übernehmen, ich finde dann möglicherweise, dass sie den Ton nicht richtig treffen oder empfinde das als Einmischung. Um nicht jedes Mal darüber in die Bredouille zu kommen, auf wen man nun Rücksicht nehmen soll und auf wen nicht, haben wir uns Rahmen und Regeln geschaffen. Bevor wir uns fragen, ob Badende eines Freibades ein Problem damit haben, dass ein Hund mitschwimmt, wurde einfach die Regel geschaffen, dass Hunde nicht ins Freibad dürfen. Im Rahmen Museum ist klar, dass man sich um Stille bemüht. Wobei mir gerade einfällt, dass wir da fast rausgeworfen wurden, weil ein zweijähriges Kind, das mit uns mit war, manchmal ein wenig gekräht hat und unsere Jungs ab und zu auch gelaufen sind. Allerdings war alles, wie ich fand, im Rahmen, die biestigen Museumswärter und -wärterinnen sahen es aber anders. Ich bin ja gegen starre Regeln. Allerdings habe ich am Beispiel des Seminars auch gesehen, dass es nicht so leicht mit der Rücksicht ist, weil jeder eine andere Sicht der Dinge hat. Wenn wir aber vollkommen ehrlich sagen, wenn uns etwas stört und das nicht als Beleidigung empfunden wird, können wir auch eine gegenseitige Rücksichtnahme erreichen. In einer Beziehung können wir Ausgewogenheit erreichen, wenn beispielsweise nicht nur auf die Bedürftnisse desjenigen Rücksicht genommen wird, der jeden Abend zu Hause sein will, sondern auch auf den Anderen, der ab und zu mal raus muss. Ehrlichkeit, Integrität und Offenheit und das im richtigen Ton sind die Grundpfeiler für eine gelungene Rücksichtnahme. Wenn das gelingt, erreichen wir Verständnis und dieses Verständnis wird nicht zu einer falschen, sondern zu einer vollkommen organischen Rücksicht führen.
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