Nach wie vor werde ich magisch von TV-Trash angezogen. Nicht mit dem Motiv der Häme, was viele vor die Fernseher treibt, wenn DSDS-Kandidaten sich ein bisserl in die Hose gepullert haben oder Liebeslieder kreischen wie eine Katze in der Brunft. Ich möchte einfach wissen, was die Gesellschaft beschäftigt.
Dieser Tage verbringen ja Leute, die auch schon mal im Fernsehen waren, ihre Zeit im australischen Dschungel, was ja das Trash-Format par Excellence darstellt. Das ist für viele gebildete Leute der Untergang des Abendlandes, aber ist das wirklich so? Ich meine nämlich, dass man an dieser Sendung zum Einen wunderbar erkennen kann, wie Fernsehen funktioniert und wie man auch sehen kann, dass ein neues Bewusstsein mehr und mehr um sich greift.
Kommen wir zunächst dazu, welche Erkenntnisse mit Hilfe des Dschungelcamps über die Natur des Fernsehens gewonnen werden können. Heute habe ich gerade gesehen, dass die Promis, so zumindest in den ersten Dschungelstaffeln, überhaupt nicht im Dschungel waren, sondern auf einem künstlich angelegten Gelände auf einer Farm. Bildern wird ja die höchste Glaubwürdigkeit zugeschrieben. Wie schön, dass man an so einem Beispiel sehen kann, wie mit Bildern getrickst wird. Für George Bush wurde in New Orleans nach Katrina eine ganze Straße gesperrt, wo ihm eine tränenüberströmt ein schauspielendes Mädchen in die Arme gelaufen ist. Habe ich im sehr erhellenden medienkritischen Magazin Zapp gesehen. Und das ist nur ein Beispiel für politische Inszenierung, die oftmals gar nicht als solche wahrgenommen wird, weil doch schließlich die Bilder für sich sprechen.
Weiterhin werden im Dschungelcamp aus 24 Stunden ein paar wenige Minuten zusammengeschnitten, die dann als scheinbare Realität dargestellt werden. Sätze werden aus dem Zusammenhang gerissen, damit es zur Dramaturgie passt. Dies ist die Realität der Medien. Aus einem Interview wird ein plakativer Satz rausgenommen, der breitgetreten und allerorten diskutiert wird. Das ist auch ein Grund, warum die Kernkompetenz von Politikern ist, keinen Satz zu sagen, der ihnen irgendwie auf die Füße fallen kann. Bloß nie die Wahrheit sagen, das könnte tückisch werden und Karrieren zerstören. Im Dschungel bekommen die Kandidaten durch die zusammengeschnittenen Bilder und Sätze genau das Image, das der Sender will. Diejenigen, die einfach fröhlich sind, wie Froonck der Weddingplanner, bekommen keine Sendezeit und fliegen sogleich raus.
Eigentlich kann man doch nichts Gutes an so einem Format finden, oder? Schließlich spricht es in erster Linie die Häme an, die Zuschauer aalen sich im Unglück der Semiprominenten, die Bestrafung doch schließlich verdient hätten. Wir sollen uns an der Angst, dem Unglück und dem Ekel der Kandidaten weiden. Aber,ich wäre nicht ich, wennn ich nicht einen Einwand hätte. Wenn ich nicht sogar hier, wo es ganz dunkel ist, etwas wirklich schönes entdecken würde. Denn soviel Geistigkeit und Spiritualität der Kandidaten hat man selten gesehen. Da wird von Chakren gesprochen, werden Yoga und schamanische Rituale praktiziert und auf dem Kopf stehend meditiert. 8 Millionen Menschen werden Zeuge, wie Rainer Langhans ohne den Hauch einer Regung inmitten von 30000 Kakerlaken meditiert. Ob bewusst oder nicht, werden diese Informationen bei den Zuschauern etwas auslösen. Sie werden vielleicht zum ersten Mal sehen und erleben, dass Meditation offensichtlich etwas ist, was hilft und glücklich macht. Wo leibhaftige Menschen agieren, sind auch wahre Werte wie Wahrhaftigkeit, Rücksicht oder Teamfähigkeit. Und die Emotionen sind zumindest meistens echt. Das ist doch schon mal was! Finde ich besser als gescriptete Laienformate und auch besser als die Tagesschau, die vorgibt, Realität abzubilden, was sie überhaupt nicht tut. Auch dort finden sich lediglich bestimmte Ausschnitte von Realität, auch dort sind inszenierte Auftritte an der Tagesordnung.
Also würde ich zusammenfassend mal ganz frech sagen, dass “Ich bin ein Star, holt mich hier raus” bei aller Grausamkeit und Häme als Lehrstück für die Funktionsweisen von Medien taugt und dabei auch noch zarte Knospen von Geistigkeit in die Synapsen der Zuschauer pflanzt, die bisher noch nie etwas mit Spiritualität zu tun hatten.




