Eines meiner erklärten Lieblingsthemen oder auch ein Thema, das mich nachhaltig beschäftigt, ist Sicherheit. Dummerweise bekommen wir von Medien und Industrie mittlerweile einen vollkommen entarteten Sicherheitsbegriff präsentiert. Wir gelten schon als fragwürdig, wenn wir unseren Kindern einen gewissen Radius zur freien Entfaltung einräumen, sind unverantwortlich, wenn wir ihnen und uns keinen Fahrradhelm aufsetzen oder immer noch keinen Rauchmelder in der Wohnungs installiert haben und wenn wir nicht für das Alter vorgesorgt haben, uiuiui. Doch ist das wirklich Sicherheit? Wo kommt sie her und was bewirkt sie?

Ich beobachte in meinem Umfeld, dass diejenigen, die sich die meisten Gedanken über ein sicheres Umfeld zwischen Seitenairbags, Arbeitsunfähigkeitsversicherungen und Riesterrente machen, tatsächlich diejenigen sind, die die meiste Angst haben. Sie werden sich niemals sicher fühlen, weil Sicherheit etwas ist, das wir selbst erreichen müssen. Hilfreich ist natürlich, wenn wir die innere Gewissheit haben, dass alles gut ist, wie es ist und sein wird. So ist es bei mir. Ich komme gar nicht auf solche Gedanken wie eine Freundin heute von mir, nämlich dass sie Angst hat, wenn ihr Sohn in den fünften Stock stiefelt, um Halloween-Süßigkeiten abzugreifen, weil er dann vielleicht selbst abgegriffen werden könnte.

Ich denke, dass die ganz großen Ereignisse in unserem Lebensplan festgeschrieben sind. Wenn wir auf Seelenebene das Abkommen gemacht haben, als Kind missbraucht oder als Erwachsener vergewaltigt zu werden, wird es geschehen. Wir verhindern es nicht, indem wir uns einigeln und nachts niemals alleine auf die Straße gehen. Hört sich heftig an, ist aber meines Erachtens so. Ebenso verhält es sich meiner Ansicht nach mit der Erfahrung schlimmer Unfälle, schwerer Krankheiten und anderen Schicksalsschlägen. Alles das, was wir nicht erleben sollen, verhindert der Schutzengel. Natürlich habe ich dafür keinerlei Beweise, aber selbst wenn es nicht stimmen würde, erspart einem diese Ansicht ne Menge grauer Haare.

Dabei muss man gar nicht meiner Ansicht sein, um festzustellen, dass durch Einigeln und das durch Vermeiden von Wagnissen keinerlei Sicherheit zu erzielen ist. Wir müssen etwas wagen, um weiterzukommen. Wir müssen etwas riskieren, um Sicherheit zu erzielen. Wenn wir Wagnisse eingehen, mutig sind, fühlen wir uns großartig und beim nächsten Mal um ein Vielfaches sicherer, als wenn wir nie das jeweilige Wagnis eingegangen sind. So ein Wagnis ist für jeden etwas Anderes: Während es für manche schon eine Herausforderung ist, aus dem Haus zu gehen oder eine Bewerbung zu schreiben, machen Andere Seiltanz zwischen den World Trade Centern. Jeder hat sein ganz eigenes Wagnislevel, das er ruhig ausreizen sollte, ohne fahrlässig zu werden.

Wenn wir Risiken eingehen, gewinnen wir an Sicherheit. Zu diesem Schluss kommt auch mein Freund Carsten Jasner, der das sehr erhellende und unterhaltsame Buch “Mut proben” geschrieben hat, in dem er Menschen beschreibt, die Risiken eingehen. Durch seine Erfahrungen mit diesen Menschen und nicht zuletzt mit sich selbst, kommt er zu dem Schluss, dass Menschen und die Menschheit Risiken eingehen müssen, um weiterzukommen. Dass Risiko völlig zu Unrecht in Verruf geraten ist. Die Angst/Sicherheitsindustrie sorgt schon umfassend dafür. Selbst empirische Untersuchungen zeigen, dass es zur Natur des Menschen gehört, ein gewisses Wagnislevel auszureizen. Mein Sohn wird beispielsweise auf dem Fahrrad zunehmend sicher, indem er immer häufiger eine Hand vom Lenker löst. Wir müssen durch Erfahrung und nicht durch Vermeidung Sicherheit gewinnen. Dass dies wirklich einleuchtend ist, beschreibt “Mut Proben” und das auf wirklich witzige und unterhaltsame Weise. Kaufen!