Mein letztes Wochenende gestaltete sich turbulent. Je turbulenter das Erlebnis, je mehr kleine Katastrophen wir erfahren, desto lebendiger und wertvoller kann die Erinnerung sein. Jeder kennt zum Beispiel das Phänomen, dass komplett verpatzte Urlaube trotzdem die langlebigste und erzählenswerteste Erinnerung darstellen. Wenn das so ist, wäre es dann nicht  sinnvoll, bereits die Katastrophe im Moment des Erlebens so zu interpretieren, dass sie lustig wird? Dabei ist natürlich klar, dass es immer noch vom Ausmaß der Katastrophe abhängt. Eine wirkliche Tragödie wie eine schlimme Krankheit eines Angehörigen lässt sich nicht mal eben so als putziges Erlebnis interpretieren. Aber was ist mit den kleinen Unwegsamkeiten und Mini-Tragödien? Wäre der Lebensqualität nicht schon immens geholfen, wenn wir diese mit Humor nehmen und sie vielleicht richtig interessant finden, statt uns über Dinge zu grämen, die einfach nun mal so passieren?
Ich erlebte eine Hochzeit, auf der ich den Zeremonienmeister gab. Hier kannst Du den geglückten Teil nachlesen. Neben diesen Erlebnissen spielte sich aber noch eine Parallelveranstaltung ab, die für mich und meine Frau manchmal bizarre Züge annahm. Es begann damit, dass meine Kinder, die wir mitgenommen hatten, nicht mit meiner Schwiegermutter nach Hause fahren wollten. Klingt erst mal banal, war aber in Natura ein grauenvolles Erlebnis. Denn was als harmloses „Ich will noch hier bleiben“ begann, verwandelte sich in eine markerschütterndes, aus zwei Kinderhälsen geschrieenes „NEIIIINNNNN! MAMA, BITTE BITTE KOMM MIT. BITTE MAMAAAAAAAA. MAMAAAAAAA!“ Du musst Dir das Ganze so vorstellen, dass es klang, als wenn wir unsere Kinder nicht in die Hände der geliebten Großmutter geben, sondern ihrem künftigen Henker ausliefern wollten. Meine  Frau, die sowieso wegen ihrer fiesen Arbeitszeiten als Ärztin ein schlechtes Gewissen hat, weil sie die Kinder so wenig zu Gesicht bekommt, fühlte sich wie eine Mutter, der im Krieg die Kinder von feindlichen Soldaten aus dem Arm gerissen werden. Sie schrie und heulte irgendwann noch markerschütternder als meine Kinder, wollte zu ihnen ins Auto steigen und wurde immer wieder von meiner Schwiegermutter und mir davon abgehalten, weil es einfach völlig unsinnig gewesen wäre, weil die Kinder sich sowieso zwei Minuten später wieder beruhigt hätten. Sie standen einfach beide unter schwerem Cola-Rausch.
Diese Szene, die quälend lange 45 Minuten dauerte, war kaum schön zu interpretieren. Ich war in dem Moment nur sauer auf die Kinder, weil sie ihrer Mutter so was antun, obwohl wirklich kein Grund dazu bestand. Aber danach, als das Auto samt Schwiegermutter und Kinder dann wegfuhr und meine Frau mir schluchzend eröffnete, dass sie so ein komisches Gefühl hätte, dass was schlimmes passieren würde, da fühlte ich mich auch nicht mehr so ganz wohl in meiner Haut. Schlimme vorausahnende Gefühle nehme ich ernst. In dieses Katastrophenszenario – meine Frau lag zu dem Zeitpunkt heulend ausgestreckt auf dem Boden des Parkplatzes – platze unser guter Freund Eric. Und dieser lockerte die grässliche Situation mit sehr gutem Humor auf. Danke, danke, danke, Eric an dieser Stelle, auch wenn Du das sicher nie liest. Eric hatte übrigens auch den glücklichen Einfall zu Herrn Freude. Er ist für mich und uns immer im entscheidenden Moment DA!
Und als ich schließlich im rettenden Telefonat hörte, dass meine Schwiegermutter samt Kinder gut angekommen sei, konnten wir auch schon herzlich über diese schräge und hysterische Situation lachen, gingen in den Tanzraum und rockten ordentlich das Haus.

Nur, was hatte meine Frau da für ein komisches Gefühl? Dafür sollte es noch einige mögliche Erklärungen geben. Ich begleitete später, so gegen drei Uhr morgens, meine Frau zu ihrem Hotelzimmer, das sie mit einer Freundin teilte, weil sie am nächsten Tag Nachtdienst hatte und eine erholsame Nacht verbringen sollte. Wir sollten nämlich erst im Haus der Party schlafen, aber gemeinsam mit einem Paar im Zimmer, deren männlicher Part sich als kräftiger Schnarcher outete. Außerdem lag das Zimmer angrenzend an den Tanzraum, so dass vor sechs Uhr nicht an Schlafen zu denken war. Also spazierte ich mit meiner Frau durch das nächtliche Rätzlingen, ein Dorf, das so dunkel war, wie es nur sein konnte. Nur die Sterne leuchteten uns schwach den Weg. Der Sternenhimmel war aber wirklich spektakulär. So etwas bekommt man in Berlin nicht zu sehen! Schon am Vorabend zischten Sternschnuppen über den Himmel. So eine wollte ich auf jeden Fall noch auch zu Gesicht kriegen, denn wir fanden den Schlüssel unseres Leihwagens nicht und ich dachte, eine Sternschnuppe wäre ein schönes Zeichen, den Schlüssel wiederzufinden. Der Weg durch das Dorf war ein kleines Abenteuer. Wir rannten gegen die einzige Bushaltestelle, rutschten vom Bürgersteig ab und knickten um, fielen fast in die Hecke. Und daran war nicht unser Alkoholpegel schuld sondern allein der Umstand, dass wir teilweise nicht die Hand vor Augen sahen. Ein eindrucksvolles Erlebnis – erlebe die Welt eines Blinden. Natürlich hätten wir auch darüber rumzetern oder einfach Angst haben können, aber wir sahen die Schönheit des Himmels und kicherten über jedes Missgeschick. Nur das Hotel sollte und sollte nicht auftauchen. Aber dann, in der Ferne ein Licht. „There´s a light, over at the frankenstein´s place“ aus der Rocky Horror Picture Show begann ich zu summen. Sehr zur Freude meiner Frau, die gleich mit einstieg. Und tatsächlich, es war das zarte Licht des einzigen Hotel des Dorfes. Hurra!

Nachdem wir uns mit einem erleichterten Küsschen verabschiedeten hatte, fragte meine Frau, als ich mich gerade schon auf den Rückweg zur Hochzeit machte: „Welche Zimmernummer hab ich denn?“ Ich antwortete: „Guck doch auf den Schlüssel.“ „Da steht aber nichts drauf.“ Und wieder stand zur Debatte, ob wir verzweifeln oder das Ganze mit Humor sehen sollten. Wir entschieden uns für Zweiteres und betraten das knartschende und höchst eigenwillige Dorfhotel. Wir würden einfach mal schauen, ob irgendwas auf ihr Zimmer hinweisen würde. Und tatsächlich, nachdem wir jedes der 9 Zimmer genau in Augenschein nahmen, fiel uns auf, dass nur ein Schloss zu dem Schlüssel meiner Frau passte. Problem gelöst, die erholsame Nacht war gesichert. Dachten wir. Ich stiefelte durch das Dunkel zurück zur Hochzeit, fiel fast in die Hecke, verlief mich kurz, sah zu meinem Glück eine Sternschnuppe und hörte schließlich Musik, deren Klang mich zurückleitete. Unter lautem Johlen empfing man mich dort.

Als ich mich ein paar durchgetanzte Stunden später hinlegte, war ich froh, dass meine Frau eine bessere Nacht erleben würde. Die Musik lief bis sechs, der Mitbewohner schnarchte und zwei Stunden später brandete der Aufräumlärm auf. Aber auch diese Situation interpretierte ich so, dass sich einfach lustig war. Ich lauschte der Rhythmik des Schnarchens, es baute sich immer langsam auf, immer Stück für ein Stück ein klitzekleines bisschen lauter, um sich dann irgendwann zu entladen, als wenn Luft abgelassen wird. Dann ging das Ganze wieder von Neuem los. Nicht schlecht eigentlich. Durchaus erhebend. Eric war´s übrigens.

Am nächsten Morgen, also etwa zwei Stunden später, suchte ich nach dem Autoschlüssel unseres Mietwagens. Das Ganze war nicht unwichtig, weil meine Frau in der Nacht dieses nächsten Tages in Berlin arbeiten musste und ich auf den Polterabend des von Herrn Freude zu verheiratenden wollte. Die Sternschnuppe sollte es richten. Aber, wie das so mit den Wünschen ist, weiß man nie, wann sie erfüllt werden. Ich fand den Schlüssel nicht. Und musste diesen Umstand meiner Frau mitteilen, die irgendwie doch nicht so ausgeruht war. Ihre Nacht war keinen Deut erholsamer als Meine. Auf dem Hotel war die Dorfsirene, die in dieser Nacht gleich zweimal losgehen sollte. Nachdem meine Frau von dem ohrenbetäubenden Geplärre fast aus dem Bett fiel und gerade wieder eingeschlafen war, fuhren mit ordentlich Getöse die Löschzüge an dem Hotel vorbei. Damit auch sonst nicht an Schlaf zu denken war, gab es in dem „Hotel“ genau ein Klo für alle Gäste, was dazu führte, dass andauernd ein kräftiges Knarren zu vernehmen war, wenn jemand über den Laminatboden zur Toilette stapfte. Und falls trotz dieser Unwägbarkeiten irgendwer doch zu Schlaf gefunden haben sollte, ertönte bei jeder Öffnung der Tür zur Gastwirtschaft ein Klingelton, der so lange wie wahnsinnig bimmelte, bis die Tür wieder geschlossen wurde. Vielleicht war meine Nacht sogar noch ein wenig erholsamer.

Aber jetzt drängte das Problem des Schlüssels! Dieser war weg! Da das Areal, wo er verschütt gegangen sein konnte sehr übersichtlich war, gab es nur noch die Möglichkeit, dass er sich im verschlossenen Kofferraum des verschlossenen High-Tech-Elektronik-Golfes lag. Also rief ich die Autovermietung an. Eine Computerstimme ertönte. Nachdem ich sämtliche Fragen beantwortet hatte, sagte sie mir, dass ich woanders anrufen müsste. Ich tat es. Die vermittelten mich an den ADAC, die an eine Autowerkstatt in einem Dorf in der Nähe, der rief die Golf-Hotline an, sagte mir, dass der Golf 6 nicht ohne Schäden geöffnet werden könne, ich telefonierte wieder mit Hertz, die sagten mir, dass ich den Schlüssel zugeschickt haben könne, aber erst zwei Tage später, aber dass ich auch das Fenster einschlagen könne. Daraufhin fragte ich wieder die Golf-Hotline, was ich im Falles eines Einschlagens beachten müsse, woraufhin sie mir die Nummer eines ansässigen Golf-Spezies sagten, der vorbeikam und allerlei versuchte, um dann zu dem Schluss zu kommen, dass wir doch die Scheibe einschlagen müssten. Drei Stunden dauerte dieses ganze Telefonszenario. Der Nachtdienst meiner Frau rückte näher. Also klebten wir die Scheibe mit Klebeband zu, damit nicht so viele Splitter in den Innenraum fallen würde. Um uns herum eine Menschentraube aus selbsternannten Experten. Ich fragte die Braut: „Oder ist diese Inszenierung für den Tag nach Eurer Hochzeit doch ein wenig übertrieben?“ Hö, hö, Spaß muss sein. Die Absurdität des Ganzen war doch größer als der Ärger, auch wenn meine Frau zusehends in Zeitdruck kam. Im letzten Moment, wir hatten schon den Hammer schwungbereit in der Hand, stoppte uns ein Hochzeitsgast. ,Nein, bloß nicht, er hätte so was schon mal gehabt, das hätte etwa 800 Euro gekostet.´ Das war uns dann doch zuviel. Also mussten wir die „Zwei-Tage-auf-den Ersatzschlüssel-Warten- Variante” wählen, meine Schwiegermutter anrufen, die ja schon das dramatische Kinderdesaster erdulden musste und meine Frau zum Bahnhof fahren. Ich musste den Polterabend in den Wind schießen und wartete bei meinen Eltern auf den Schlüssel. Natürlich war es damit nicht genug. Am nächsten Morgen rief die Autovermietung an. Es täte ihnen furchtbar leid, der Wagen sei so neu, dass noch kein Ersatzschlüssel vorliegen würde. Ich müsste das Fenster einschlagen. Was ´n Spaß!
So eine Scheibe ist hartnäckiger, als man annehmen sollte. Gleich fünfmal donnerte ich mit einem außerordentlich spitzen Hammer gegen die Scheibe, bis sie splitternd aufgab. Anschließend dauerte es noch eine ganze Weile, bis ich mit dem Brautvater eine schicke Pressholzscheibe gebastelt habe, für die ich bei Hertz viel Respekt geerntet habe und düste mit meinen Kindern nach Berlin.
Zu keinem Zeitpunkt dieser Odyssee ließ ich Ärger zu. Die Situation war auch trotz aller Widrigkeiten harmlos. Wenn wir kleine Ärgernisse und Probleme mit Humor und als Herausforderung betrachten, werden sie zu lustigen Erlebnissen. Und so lebt es sich doch bedeutend erfreulicher!