Es ist gleichzeitig sehr erhellend und währenddessen sehr frustrierend zu erleben, dass wir immer wieder mit ähnlichen Situationen im Leben konfrontiert werden. So lange, bis wir sie bewältigt haben. Eine Situation, die mir immer und immer wieder mal begegnet, ist, dass ich, von Zeitdruck gehetzt, den Ort nicht finde, an den ich kommen soll. Passierte mir schon vor Bewerbungsgesprächen, zu denen ich schließlich japsend und schwitzend auflief, vor Einladungen, die ich dann völlig verspätet erreichte oder wie vorgestern, als ich meinen Sohn von einem Kindergeburtstag abholen wollte.

Es begann mit einem Mini-Betrugsversuch, der postwendend gesühnt wurde. Ich stellte nämlich beim Besteigen des Busses fest, dass ich nur noch Geld für zwei Kurzstreckenfahrkarten dabei hatte. Eine für die Hin- und eine für Rückfahrt. Bei Bussen kann man auch nicht einfach mal reinschlüpfen wie bei der U-Bahn, weil man dem Fahrer die Karte vorzeigen muss. Also kaufte ich mir eine Karte für 5 Stationen, obwohl ich 7 fahren wollte. Ja ja, kleine Sünden… Ich stieg ein, wähnte mich am hinteren Ende des Busses in Sicherheit und … der Bus hielt. Nach bereits 4 Stationen. Ich war in einer Gegend, in der ich noch nie war und hatte keine Ahnung, ob ich überhaupt in den richtigen Bus gestiegen war. Die Zeit des Abholtermins saß mir unbarmherzig im Nacken. Wat nu? Hastig ging ich zur Haltestelle auf der gegenüberliegenden Straßenseite. ,Zurück fahren und dann den richtigen Bus nehmen´ dachte ich, sah den Bus ankommen und stellte dann nochmals fest, dass ich gar nicht genug Geld dabei habe. Eine leichte Panik machte sich breit. Plötzlich sah ich wieder einen Bus. Auf der anderen Seite. Diesmal den Richtigen. Ich sprintete los, die Türen gingen bereits zu, ich klopfte atemlos gegen die Tür und der missmutig dreinblickende Fahrer machte auf. Ich bedankte mich und wollte an ihm vorbeigehen, da sagte er, ,hey, Fahrkarte´. Ja ja, Berliner Busfahrer sind nicht immer die freundlichste Spezies auf diesem Planeten, aber Recht für sein Misstrauen hatte er. Umständlich kramte ich in meinen Hosentaschen nach der vorherigen Kurzstreckenkarte. Die Hektik wurde noch dadurch angeheizt, dass er so lange stehen blieb, bis ich sie schließlich gefunden hatte. Abermals versuchte ich schändlicherweise zu täuschen und verdeckte den Umstand, dass ich nur ne Kurzstreckenkarte hatte, mit dem Finger. Der Fahrer fiel nicht darauf rein. ,Dat is ja ne Kurzstrecke!´ stellte er umumwunden fest. ,Ja, aber die gilt ja noch, der Bus von eben hielt einfach hier an´, gab ich alles. Die versammelte Fahrgastschar sah mich an. Schließlich fuhr der Bus immer noch nicht weiter. ,Nur noch eene Station könnse fahrn´, blaffte der Fahrer und setzte sich in Bewegung. Jetzt war ich schon zu spät und müsste auch noch früher aussteigen. Hastig wühlte ich in meinem Portmonnaie. Nur zehn Cents fehlten bis zu nächsten rettenden Kurzstreckenkarte. Also fragte ich eine Frau nach zehn Cents, sah, wie sie innerlich mit sich rang, um mir schließlich doch das Geld zu geben. Ah, jetzt war es geschafft! Bis hier hin.

Denn ich musste ja noch das Haus des Geburtstags finden, was mir auch recht schnell gelang. Dachte ich. Ich hatte nämlich die Einladung vergessen und wusste nicht, wie der Freund von meinem Sohn mit Nachnamen hieß. Also klingelte ich beim erstbesten. Man kommt sich sehr merkwürdig vor, wie ein äußerst unerwünschter Vertreter oder schlimmer, wenn man aus dem Lautsprecher ein unwirsches ,Ja?´ hört, dann stammelt ,Ja, hallo, entschuldigung, aber wohnt bei Ihnen ein Junge namens Bela, der heute Geburtstag hat?´ und anschließend einfach ein ,Nein´ und mehr nicht vernimmt. Also noch mal allen Mut zusammengenommen und beim Nächsten geklingelt. Gleiches Ergebnis. Da kam eine Frau heraus, deren Gesichtsausdruck ich ansah, dass ihr im ersten Moment durch den Kopf ging, ob ich ein Dieb, ein Klinkenputzer oder noch etwas viel Schlimmeres sein könnte. Abermals fragte ich sie nach einem Jungen namens Bela. Müsste eigentlich nicht so schwer sein, schließlich waren nur sechs Wohnungen in dem Haus. ´Hm, sagte sie mit einem klitzekleinen Bisschen mehr Vertrauen in ihrem Gesicht, ,ein Junge wohnt hier, aber ob der Bela heißt?´ Sie wies mir das Klingelschild, das in Frage kam. Wieder klingelte ich, wieder ohne Erfolg. Zu meinem Glück kam hinzu, dass ich mein Handy nicht mithatte und so meinen großen Sohn, der zu Hause war, nicht anrufen konnte. Also bat ich die Frau um einen Anruf mit ihrem Handy. Wieder sah ich das Zögern in ihrem Blick. Sie gab es mir mit den Worten ,na, ja, sie werden ja wohl doch nicht damit abhauen, was? Man weiß ja nie!´ Ich haute nicht ab, traf aber erst auf unser kaputtes Festnetztelefon, das immer ein Freizeichen suggeriert, aber bei uns nicht klingelt und auf die Mailbox meines Handys. Jetzt wurde ich wirklich panisch. Mein Sohn war zum ersten Mal bei dem Jungen, es wurde später und später, ich dachte, ich hätte mir die falsche Hausnummer gemerkt und stand ohne Handy und Geld im Irgendwo von Berlin. Heulend hetzte ich die Straße rauf und runter, in der völlig unbegründeten Hoffnung, so auf meinen Sohn zu treffen. Schließlich brach ich das Unternehmen ab. Ich musste nach Hause, musste diese Einladung finden und anrufen. Ich rannte zur Straßenbahn, stieg ein und ging an einem bedenklich angeschlagenen Typen vorbei, der zur Begrüßung erstmal kräftig auf den Boden rotzte. Fast erwartete ich, jetzt auch noch kontrolliert zu werden. Es hätte gepasst. Tatsächlich blieb ich verschont. Bis auf die Tatsache, dass ich vorher offensichtlich noch schön in Hundekacke gelatscht bin und das nicht nur mit dem Schuh, sondern angenehmerweise auch noch mit einem großen Teil des Schnürsenkels, der mich übelrichtend und braun von unten anstarrte.

Der Rest der Geschichte ging gut aus. Ich rannte nach Hause, starrte auf die Einladungskarte, stellte zu meinem Erstaunen fest, dass die Hausnummer richtig war, rief an und traf auf eine sehr verständnisvolle Mutter, die meinen Sohn gleich zu mir nach Hause fuhr. Keine große Geschichte eigentlich, aber abends fragte ich mich, was das eigentlich zu bedeuten hatte, dass ich immer wieder in solche Situationen gerate. Dass ich völlig überfordert bin, wenn mir etwas so völlig zu entgleiten scheint und ich keine Kontrolle mehr habe. Vor meinem inneren Auge spielten sich all die Geschichten gleichen Musters ab, die ich in meinem Leben schon erlebt hatte. Selbstreflektion trägt viel zur Erkenntnis bei. Und schließlich lachte ich drüber und LIEBTE einfach die Ursachen für meine Unzulänglichkeiten, was nie verkehrt ist. Und schwupps war ich im wunderbaren Ideenmodus und allerbester Dinge. Man sollte immer mal wieder darüber nachsinnen, warum sich manche Muster wiederholen, sich klar machen, dass nur man selbst dafür verantwortlich ist, LIEBEN und FREUDIG erleben, was passiert.