Gestern hörte ich, als Untermalung zum Abwaschen, die “Sprechstunde am Nachmittag” auf Radio Fritz. Das Thema war Deutschlands “Nein” zum Luftkrieg gegen Libyen. Äh, Pardon, im Neusprech heißt es natürlich zur Durchsetzung der Flugverbotszone. Es wurde darüber debattiert, ob es nicht nur Wahlkampfkalkül von Guido sei, ob sich Deutschland mit seinem Nein nicht außenpolitisch isoliere und ob sie nur zusehen wollten, wie ein irrer Diktator seine Bevölkerung niedermetzelt. Da musste ich doch einfach anrufen!

Ich bin immer wieder aufs Neue überrascht, dass gebildete, eigentlich friedensbewegte Menschen immer wieder auf das gleiche Muster reinfallen und sofort nach einem scheinbar menschenfreundlichen Krieg verlangen. Lernen wir denn überhaupt gar nichts? Welcher Krieg dient denn wohl dazu, Menschen zu schützen? Wie kann es sein, dass den Meisten als einziges probates Mittel gegen Tyrannei Krieg einfällt?

Es ist doch immer wieder das gleiche Muster: Da ist ein Diktator, der häufig vom Westen erst mal an die Macht gebracht wird, dem über Jahre die Gelegenheit gegeben wird, sich ordentlich mit Waffen zu versorgen, die ihm die USA, Deutschland, Großbritannien und Andere, ohne mit der Wimper zu zucken, liefern. Völlig unbehelligt kann er schalten und walten; kann er Menschenrechte mit Füßen treten, unliebsame Gegner um die Ecke bringen und wird auch noch von Obama, Angie, Brown und Co. zum netten Plausch eingeladen. Schließlich führen alle Handel mit ihm oder er ist ihnen in irgendeinem anderen Konflikt nützlich.

Irgendwann, welch Überraschung, stellt er mit den vielen, vielen, vielen Waffen irgendeinen Irrsinn an. Diesen hat er entweder wie Hitler schon Jahre vorher angekündigt und wurde trotzdem von amerikanischen Banken mit Geld versorgt oder er hat wie Hussein vom Westen unbehelligt und unterstützt Massen von Kurden vergast oder hat wie Gaddafi die Welt schon mal an den Rand eines Atomkriegs gebracht. Nichts davon führt dazu, dass die Despoten irgendwelche Schwierigkeiten haben, weiter Handel zu treiben und weiter an Waffen zu gelangen. Dann irgendwann passen die Diktatoren der “westlichen Staatengemeinschaft” nicht mehr in den Kram. Zwar haben sie vorher oft genauso schlimme oder manchmal schlimmere Taten begangen, aber plötzlich taucht massiv in den Medien auf, dass sie ihre “Bevölkerung in Geiselhaft nehmen”, dass sie irgendwen mit Massenvernichtungswaffen bedrohen oder ein zweites Ausschwitz anstreben. Dieses alles müsse verhindert werden und als Mittel sei Krieg einfach konkurrenzlos. Ein gerechter Krieg, um Menschen zu schützen. Als Präzedenzfall für diese gerechten Kriege gilt der zweite Weltkrieg. Hier wurde erreicht, dass Hitler ausgedient hat. Dieser Krieg rechtfertigt alle heute geführten Kriege gegen Diktatoren. Aber niemand fragt, wie diese Typen überhaupt an die Macht gekommen sind. Niemand fragt, wo sie die ganze Kohle für ihre Propaganda herhatten. Und niemand fragt, warum sie so lange unbehelligt schalten und walten konnten. Um vorauszusehen, dass irre, größenwahnsinnige Kerle mit einem gigantischen Waffenarsenal und Milliarden auf dem Konto irgendwann auch Irres tun, muss man nun weder Nahostexperte noch Politiker sein.

Das Muster ist immer das Gleiche. Und traurigerweise ist auch das Muster, wie Kriege seit dem zweiten Weltkrieg verlaufen, immer das Gleiche. Die Zahl der getöteten Zivilisten steigt von Krieg zu Krieg. Im Irak gehen sie in die Hundertausende. Wenn man im Fall von Libyen denkt, sofort Bomben schmeißen zu müssen, um die Zivilisten vor Gadaffi zu schützen, weil er schließlich gesagt (!) hat, dass er gegen die Rebellion ein Exempel statuieren will, dann muss man sich einfach vor Augen halten, dass ein Krieg noch viel viel mehr Zivilisten töten wird. Es wird mit Uranmunition geschossen, die ganze Landstriche kontaminiert und dessen Schäden für die gesamte Natur unabsehbar sind. Es werden Streubomben geschmissen, die Minen durch die Gegend schleudern, die noch etliche Jahre später spielende Kinder in Stücke reißen. Wer glaubt denn da allen Ernstes, dass es einen “humanen” Krieg gibt? Wer glaubt denn, dass es Sarkozy und den anderen “Willigen” darum geht, Menschen zu schützen?

Jemand, der Krieg kategorisch ablehnt, wird als naiv angesehen, aber wer sich ohne über irgendwelche Konsequenzen nachdenkend förmlich euphorisch für den “gerechten” Krieg ausspricht, gilt als Realist und auch noch als Menschenfreund. Und ich mache denjenigen, die für einen Krieg gegen Gadaffi sind, gar keinen Vorwurf. Sie denken ja, das Richtige zu denken. So auch offensichtlich der Moderator der Radio-Talksendung, der zwar meine Argumente zu verstehen schien, dass Krieg niemals gerecht sein kann, dass Krieg IMMER mit Lügen beginnt und dass Krieg niemals aus Menschliebe geführt wird, der aber dennoch fragte, was man denn jetzt machen solle, wenn ein Diktator nun mal konkret seine Bevölkerung bedrohen würde.

Da ist doch erstmal zu fragen, wer da überhaupt bedroht wird. Rebellen richten Waffen gegen den Machthaber. Das mag berechtigt sein, aber genauso berechtigt wäre es, Waffen gegen Obama samt seinem militärisch-industriellen Komplex zu richten. Was würden die USA dann wohl machen? Vielleicht das Militär rufen, um die bewaffneten Aufstände niederzuschießen? Ja, genauso würden sie und genauso würden alle anderen Länder es auch machen. Haben die Libyer es mit einem gewaltlosen Widerstand versucht? Wenn eine breite Mehrheit etwas will, kann kein noch so despotischer Herrscher sie davon abhalten. Aber ich möchte hier nicht das Verhalten von einem zugegebenermaßen sehr irre wirkenden Diktators rechtfertigen. Allerdings muss die Frage gestellt werden, wer da eigentlich rebelliert. Sind das ganz ehrbare Leute, die das Land anschließend in eine vorbildliche Demokratie umformen möchten? Hm, zumindest Zweifel dürften erlaubt sein. Aber wenn jetzt wirklich große Teile der Bevölkerung nach Freiheit streben und ein irrer Diktator sie bedroht, was könnte man dann statt eines Krieges unternehmen? Der Luftkrieg verschlingt jeden Tag hunderte Millionen Dollar. Wenn die “Willigen” einfach zusammenschmeißen würden, könnten sie jeden Militär, der sich von Gadaffi abwendet, fürstlich entlohnen, was meinste wie schnell die nicht mehr auf seiner Seite wären? Sie könnten Leute einschleusen, die ihn um die Ecke bringen, könnten Kopfgeld aussetzen und generell erstmal überhaupt verhindern, dass totalitäre Systeme von westlichen Waffenschmieden versorgt werden. Also bitte, das wäre doch wirklich das Erste, wenn es um Menschen und Frieden ginge.

Es geht aber niemals um Menschen und niemals um Frieden. Es geht um unfassbare Gewinne der Waffenindustrie, die eng mit den Banken und der Politik verbandelt ist. Ohne die gigantischen Umsätze mit Waffen, wären die USA noch bankrotter, als sie ohnehin schon sind. Ohne diese Umsätze hätte das Geldsystem bereits ausgedient. Es geht um geostrategische Erwägungen. Es geht um Bevölkerungsreduktion. Es geht letztendlich um die Verbreitung von Angst und Schrecken, denn eine Bevölkerung, die ohne Angst lebt, wäre nicht mehr kontrollierbar.

Bei aller Manipulation und Gehirnwäsche merken aber immer mehr Menschen, was eigentlich vorgeht. Die Menschen haben ein tiefes Bedürfnis nach Frieden. Der Wahnsinn, mit dem wir täglich in den Nachrichten befeuert werden, ist das verzweifelte Aufbäumen des Alten. Krieg gehört zum Alten. Und wenn sich der Guido aus Wahlkampfkalkül dagegen ausspricht, hat er meinen Segen.