Der Verstand wird durch Worte angesprochen. Empfindungen durch Klang. Musik, also Klang, ist Schöpfung. Alles ist Klang.
Aber, mal ganz der Reihe nach. Vor wenigen Wochen sah ich eine Dokumentation, die ich Dir nur empfehlen kann. Sie handelte von den Berliner Philharmonikern, die eine Tournee durch Asien absolvierten. Was ich an “Trip to Asia” so spannend fand, war das Phänomen Orchester. Ein zusammengewürfelter Haufen aus Individualisten, aus starken Persönlichkeiten, aus Einzelkönnern an ihren Instrumenten, die sich für den Moment des Auftritts dem Klang, dem Gleichklang unterordnen. Die sich dem großen Ganzen unterordnen. Gelingt es ihnen, erleben sie, wie die Musiker und Simon Rattle, der Dirigent sagten, ein kosmisches Erlebnis. Jeder Musiker erlebt die Magie der Musik. Er erlebt, dass es sich bei Klang um etwas handelt, das jenseits der Materie, das jenseits der Worte liegt.
Genauso sah es auch ein sehr betrunken scheinender Pianist, den ich gestern rein zufällig mit einem Freund vor meiner Haustür getroffen habe. Natürlich sehe ich Zufall nicht als etwas Willkürliches an, sondern ich halte es mit dem schönen Spruch: “Was zufallen soll, fällt zu.” So fiel mir diese höchst kuriose, aber auch sehr inspirierende Begegnung mit dem russischen Musiker zu. Zunächst konnte man denken, dass es sich um einen Obdachlosen handeln würde, der zudem noch schwere Ausfallserscheinungen zeigte. Sein Gesicht war halbseitig gelähmt. Aus seinem linken Auge floss ein stetiger Tränenrinnsal. Er zog bedenklich stark Luft durch die gelähmte Seite seiner Nase. Seine Hände waren wie sein eigentlich heller Trenchcoat dunkelgrau bis schwarz. Er schwankte. Die meisten Menschen wären bei seinem Anblick erschrocken weitergegangen. Aber, im Gegensatz zu seinem etwas ramponierten Äußeren waren seine Worte und die Hingabe, mit der er die Worte bildete, sehr inspirierend. Der russische Pianist sprach in gebrochenem Deutsch von der Magie der Musik. Von der Heilkraft der Musik. Davon, dass Philosophie und Theologie nicht ansatzweise erklären könnten, was Musik bedeutet. Daraufhin sagte ich, dass das daran liege, dass Musik reiner als die Wissenschaften sei. Dieser Ausspruch brachte den Pianisten völlig aus dem Häuschen. “Reinheit, ja, genauso ist es. Toll! Richtig, genau richtig.” Er war sehr glücklich mit meiner Ansicht. Japsend geriet er in einen monologisierenden Rausch. Musik sei nahe bei Gott, nahe bei dem, was wirklich ist. Religion würde alles verdrehen, würde ihn in Rage bringen. All dieser materielle Unsinn um uns rum, wir hätten vergessen, worum es wirklich ging. Sein Monolog wurde immer wieder von diesem etwas beunruhigenden Japsen unterbrochen, das er durch die gelähmte Seite seiner Nase zog. Er drohte immer gleich umzukippen. Aber seinen Ansichten konnte ich nur zustimmen. Musik habe eine heilende Wirkung. Und Berlin sei so wunderbar, sagte er. Den Menschen würde die Musik und die Kunst am HERZEN liegen, nicht so sehr das Materielle. Dafür liebe er Berlin. Und wieder traf er damit in mein HERZ, denn auch ich LIEBE Berlin.
Der Pianist wartete auf jemanden, der ihn abholen sollte. Ich war mir nicht so sicher, ob er sich das vielleicht nur eingebildet hätte, weil er nach eigener Angabe bereits eine Stunde wartete. Aber dann, als ich seinen interesssanten, aber schwer verständlichen Monolog unterbrach, weil meine Frau sich längst fragen musste, wo ich bleiben würde, nachdem ich gerne seine vor Dreck stehende Hand drückte, mich für das tolle Gespräch bedankte und gerade aufschließen wollte, kam tatsächlich der, den der Pianist erwartete und dem er freudestrahlend, wie ein kleines Kind seinem Papa, in die Arme sprang. Schön, dass die Geschichte einen Abschluss fand. Schön, dass mir durch die zwei Episoden - die sehr zu empfehlende Doku und die Begegnung mit dem russischen Pianisten - die Magie der Musik deutlich wurde. Alles ist Klang. Wir müssen die Stärken der Individuen vereinigen, um Gleichklang zu erreichen. Die Ideen bündeln, die Stärken vereinigen. Für den erhebenden Gleichklang.




