Ein bisschen mulmig war mir ja schon, als ich zu meinem ersten lautlosen Tanz in der Öffentlichkeit radelte.
,Ist ja doch etwas ungewöhnlich, das Ganze. Aber vorgenommen ist vorgenommen Gerald, Arsch zusammenkneifen und los´, dachte ich.
Auf dem Weg zum Haupteingang des Flohmarktes suchte mein Blick nach DEM geeigneten Ort für meine Tanz-Perfomance. So richtig ideal erschien mir keiner. Fahrräder, Stände oder Straßenmusiker ließen nicht zu, dass ein Plätzchen mich besonders ansprach.
Ein leichtes Gefühl von Übelkeit beschlich mich. Meine Kehle glich der Wüste Gobi. Also stellte ich mich in die absurd lange Schlange vor der Wurstbude, um mich erst mal anständig zu bewässern.
Während ich gierig das Wasser runtergullte, suchten meine Augen weiter nach dem geeigneten Platz - und fanden ihn schließlich - dachte ich zumindest. Es war ein Platz, an dem ich jeden vorbeigehenden Flohmarktbesucher sehen konnte; und sie mich. Außerdem wies diesen Ort in meinen Augen aus, dass sich keine potentiellen Zuschauer in meinem Rücken aufhielten. Ich stellte meine Wasserflasche zu Seite, ah nein, einen letzten Schluck noch, zog meine Jacke aus, gab so den Blick auf mein frischgedrucktes gelbes T-Shirt mit du-bist-da.net-Schriftzug nebst Logo frei, legte meine Hände in die Gebetshaltung, sprach ein paar innere Worte, in denen ich um Kraft und Flow bat, machte die Augen zu und … – tanzte.
Als ich die Augen tanzend aufmachte, sah ich … nicht so viel Veränderung zu vorher. Die Flohmarktbesucher gingen weiter vorbei, während mich leicht irritierte Blicke trafen. Manche tuschelten, manche blieben kurz stehen, ein paar Kinder lächelten mich an. Irgendwann stellte sich ein junger Typ neben mich und tanzte, unter den belustigten Augen seiner Freunde, für eine kurze Zeit neben mir. Versuchte mich zu parodieren. Glaube ich. Ich machte einfach weiter, ohne zu ihm rüberzusehen. Bin halt ganz Profi.
Einen entscheidenden Nachteil hatte mein Platz allerdings. Hinter mir kamen immer wieder Autos, die Flohmarktutensilien vom Markt fuhren. Ich musste immer zur Seite tanzen und wurde doch etwas im Flow behindert. Hielt mich aber nicht ab, sondern tanzte einfach weiter.
Manchmal fing ich ein Lächeln auf, dass ich erwiderte, ein junger Vater mit seinem Kind blieb ein Weilchen vor mir stehen, aus sicherer Entfernung guckten ein paar andere Leute. Ein richtiger Flirt mit dem Publikum war nicht möglich, weil es eigentlich kein richtiges Publikum gab. Ich nehme an, dass den meisten nicht so ganz klar war, was ich da machte. Einige dachten vermutlich, ich sei einfach ein Durchgeknallter, der noch vom Vortag mit ner gehörigen Überdosis Amphetaminen übergeblieben ist und weder mitbekam, dass gar keine Musik gespielt wird, noch dass gar keine Party im Gange war. Die meisten interessierte es schlicht und einfach nicht besonders, wie ich da rumzappelte. Ist ja auch sicherer. Wer weiß, was ich für einer bin. Tänzerisch bin ich aber zufrieden mit mir. War meiner Ansicht nach ganz gut drauf war. Ich muss aber wohl noch mal den Rahmen überdenken. Vielleicht sollte ich noch ein Schild aufstellen oder meinen Bereich als Bühne kenntlich machen. Wenn Du einen Vorschlag hast – immer her damit.
Als mal wieder ein Auto an mir vorbei fuhr, kam ein Ordner des Flohmarktes auf mich zu. Er schien auch etwas unsicher, weil er nicht einschätzen konnte, ob ich vielleicht doch ein äußerst schräger Vogel war. Ich fragte ihn lächelnd, ob tanzen verboten sei, woraufhin er sagte: „Ne, eigentlich nicht, hast ja auch keine laute Musik an, aber mit den Autos ist es vielleicht etwas ungünstig.“ Wir unterhielten uns eine Weile, was ihn zu der Feststellung führte, dass ich wohl einfach ein „freier Geist“ sei und „ja ganz vernünftig.“ Ich sagte ihm, dass ich durch Tanzen FREUDE verbreiten und auf meine Internetseite aufmerksam machen wolle. Er führte allerdings an, dass dieser Anspruch bei den Meisten vermutlich nicht ankommen würde und riet mir, gemeinsam mit einem heraneilenden Standbesitzer, der den Tanz wohl auch beobachtet hatte, doch tiefer in den Flohmarkt hinein zu gehen, damit die Passanten auch stehen bleiben und zugucken würden.
Dem Rat folgte ich, musste aber doch feststellen, dass ich nach etwa 40 Minuten exzessiven Tanzens schon ganz anständig Ermüdungserscheinungen in den Schultern und Armen spürte. In meinen Überlegungen, ob ich ein zweites Set auf den Asphalt legen sollte, wurde ich plötzlich gestört. Freunde von mir bogen gerade um die Ecke. So legte ich das zweite Set ad acta, schlenderte mit ihnen weiter, erzählte von meinen Erlebnissen und nahm mir vor, dass trotz des sehr übersichtlichen Erfolges mein lautloser Tanz keine Eintagsfliege sein würde.
Ich werde Dir weiter berichten. Irgendwann werde ich auch filmen lassen, stell ich dann auf die Seite, aber beim ersten Mal musste ich mich erst mal selbst überwinden und nicht gleich so ein Aufriss mit Filmen machen. Aber wer weiß, vielleicht siehst Du mich ja schon bei Youtube. Ein Mädel filmte nämlich mit ihrem Handy.
Oah, jetzt werfe ich erstmal Magnesium ein. Vor Muskelkater bin kaum in der Lage meine Arme auch nur waagerecht zu halten. Meine Frau sagte, dass das Magnesium gegen Muskelkater hilft. Drück mir mal die Daumen, dass das so ist.




