Wenn wir in den Spiegel gucken, sehen wir uns selbst. Knallerweisheit, wa? Die Spiegel, von denen ich hier spreche, sind der Partner/Partnerin, Eltern, Verwandte, Freunde oder Situationen, die in unser Leben treten und uns, wenn wir hinsehen, Auskunft über unser Inneres geben. Da wir nicht ständig merken, wie wir wahrgenommen werden, ist es außerordentlich hilfreich, wenn wir offen mit uns konfrontiert werden.
So geschehen bei mir, als ich meiner Frau, die gerade von ihrem anstrengenden Nachtdienst heimgekehrt war, voller Euphorie von meiner kommenden Mauerparkkaraoke-Performance berichtete. Meine euphorischen Berichte über ungelegte Eier sind ihr dabei nicht vollkommen neu. Sie durfte es bereits bei meinen Buchplänen, Drehbuchideen, Internetsendungen undundund erleben. Da nicht alle Pläne bisher in die Tat umgesetzt wurden, gerät sie nicht umgehend in Entzücken, wenn ich ihr mal wieder meine neuesten Ideen unterbreite. Da ich im Mauerpark mein Allerbestes geben möchte, sagte ich ihr, dass ich mir zu meinem Geburtstag Gesangsstunden wünschen würde. Vielleicht auch von meinen Eltern, wogegen sie sich energisch aussprach. Was folgte, war eine Euphoriebremse erster Güte. ,Meine Eltern könnten gekränkt sein, wenn ich sie mit solchen Plänen behelligen würde und sie sei auch gekränkt´, sagte sie. Ich verstand es nicht. Aus welchem Grund könnte es denn wohl andere kränken, wenn ich den Plan schmiede, meine Grenzen auszuloten und FREUDE zu verbreiten? Als die Wogen wieder geglättet waren, erklärte sie mir die Gründe für ihre Gekränktheit und die mögliche meiner Eltern. Diese bezahlten mir schließlich bereits ein Studium, das ich nicht in Arbeit umsetze und hätten mir schon einen von mir gewünschten Gutschein für einen Englischkurs geschenkt, den ich nie eingelöst habe. Recht hat sie. Und Grund zu eigenem Gekränktsein hatte sie auch.
Wenige Tage vorher waren wir bei über das Wochenende bei guten Freunden. In Champagnerlaune erörterte ich dort, dass ich keiner Tätigkeit mehr nachgehen würde, die mir keine FREUDE bereitet. Dass ich keine fremdbestimmte Arbeit mehr ausführen würde. Bis der Spiegel in Person meiner Frau auf den Plan trat, konnte ich daran nichts Schlimmes entdecken. Aber für Andere kann sich das natürlich vollkommen anders darstellen. Meine Frau arbeitet sich den Buckel krum und ich mache nur, worauf ich Bock habe und beschäftige mich damit, nackt in meinem Wohnzimmer zu tanzen und für öffentliches Karaoke zu trainieren. Da würden doch selbst irgendwelche Society-Ladys ins Grübeln kommen. Dabei hat meine Frau vollstes Verständnis, solange ich auch meinen Verpflichtungen nachgehe. Was sie nur nicht möchte ist, dass ich in den Augen Anderer Deutschlands dreistesten Ehemann gebe und auf Kosten meiner Frau meinen Hirngespinsten nachhänge.
Alles eine Sache der Kommunikation. Denn ich habe den unbedingten Wunsch, immer die richtige Worte und die geeignete Art der Vermittlung zu wählen. Vor dem Verstehen steht Verständnis. Natürlich könnte nicht jeder Verständnis dafür haben, dass ich nicht in einem Konzern arbeiten würde, um meine Frau zu entlasten. Wobei ich ihr vollkommen freie Hand für ihre Entscheidungen lasse. Aber wenn ich die richtigen Worte wähle und nicht rüberkomme wie Deutschlands “dreistester Arbeitsloser”, werde ich mehr Verständnis erhalten als wenn ich einfach nicht den richtigen Ton treffe. Um zu sehen, wie wir rüberkommen, kann ein Spiegel eine große Hilfe sein. Ein Spiegel in Form ehrlicher Worte von Menschen, denen wir vertrauen. Und wenn mir so ein Spiegel vorgehalten wird, reagiere ich. Ich schreibe dann demjenigen, der ein falsches Bild von meiner Beziehung zu meiner Frau haben könnte, enschuldige mich und stelle meine Sicht dar. Räume mögliche Urteile aus der Welt, damit ich dieses Kapitel für mich abgeschlossen habe.
Ich werde weiter an mir arbeiten, weiter Ideen haben und weiter Fehler machen, aus denen ich hoffentlich lernen werde. Ich möchte alles, was ich tu, so gut machen, wie es mir möglich ist. Und da ich das große Glück haben, einen vortrefflichen, geliebten und verständnisvollen Spiegel bei mir zu Hause zu haben, bin ich guter Hoffnung, dass ich aus alledem viel lernen werde.




