Früher fühlte ich mich durch Meinungen, die von meiner abwichen, bedroht: Von Atheisten und Wissenschafts- und Mainstreamnachrichtengläubigen, von Burschenschaftlern, Bundeswehrfans, CDU-Wählern oder Nazis. Aber das Schöne ist, dass mit der Zeit und mit der Masse an Erfahrungen, diese Bedrohungen immer und immer weiter abnehmen. Ich kann mich ohne jeglichen Stress mit Menschen auf Hochzeiten unterhalten, die einen Aufkleber auf dem Auto kleben haben, auf dem “Solidarität für unsere Soldaten” steht. Oder mit Leuten, die sagen, dass sie Moslems nicht mögen. Ich kann Landwirten vortragen, ohne sie übermäßig zu verärgern, dass ich Vegetarier bin und was meine Gründe dafür sind. Die Grundvoraussetzung dafür ist, dass ich meine Sicht der Dinge als meine Sicht der Dinge kennzeichne und keinerlei Anspruch habe, diese dem Anderen überzustülpen.
Wenn man mal genau hinschaut, ist ein Grundübel der Gesellschaften, dass wir Anderen ihre Sicht und ihre Interessen nicht zugestehen. Das fängt banalerweise schon beim favorisierten Fußballclub an, geht bei der politischen Gesinnung weiter und hört beim Glauben auf. Das Grundproblem ist, dass alle denken, dass ihre Sicht die Richtige ist. Ist doch auch schön, aber die des Anderen ist schließlich für ihn die Richtige. Wenn wir das einmal verinnerlicht haben, müssen wir uns nicht mehr damit herumschlagen, andere davon überzeugen zu wollen, dass sie falsch liegen. Im Falle von meinem Vegetariersein finde ich es wirklich lustig, dass im Moment der Offenlegung, z.B. als Herr Freude bei Hochzeiten, sich gleich die wütende Meute auf mich stürzen will, um mich zur Rede zu stellen. Sie fragen dann mit wütendem Gesicht, ob mir doch wohl nicht etwa die Tiere leid täten und ob ich nicht wisse, dass der Mensch von jeher ein Allesfresser sei. Ich sage dann, wenn es die Sitution zulässt und mein Gegenüber nicht allzu fundamentalistisch veranlagt ist, dass Fleischkonsum aufgrund meiner persönlichen Erfahrungen nicht mehr zu meinem Leben passt, dass ich für mich den Entschluss getroffen habe und es jeder einfach so machen solle, wie er denke. Ich sehe dann, dass sich das Gesicht des Wütenden glättet, weil ich keine Gefahr für seine Meinung darstelle. Manchmal fragt er noch weiter nach und kann manchmal nachvollziehen, wie meine Gründe sind.
Meine früheren Streitereien über Glauben rührten daher, dass ich sagte, dass ich nicht glaube, sondern weiß. Davon fühlt sich jeder bedroht, der etwas anderes zu wissen meint, weil ich ihm ja vorhalte, dass er es eben nicht richtig weiß. Wenn wir aber kennzeichnen, dass wir einfach einer bestimmten Ansicht sind, die aus unserer ganz eigenen Perspektive so ist und wir nicht den Anderen in die Rechthaberei-Diskutier-Falle locken, können wir alle ganz entspannt unsere Meinung zu Besten geben. Mit der nötigen inneren Ruhe konnte ich schon die schrägsten Ansichten mitteilen, ohne in Streit zu geraten. Ist doch herrlich.
Wenn wir dem Anderen seine Meinung lassen, ohne mit unserer hinter dem Berg zu halten, ist es möglich, den Anderen zu inspirieren. Denn dann besteht die Möglichkeit, dass er vielleicht darüber nachdenkt, weil sein Fokus nicht darauf gerichtet ist, unsere Meinung zu widerlegen, um mit seiner zu gewinnen. Diskussionen und Debatten führen im meiner Beobachtung niemals dazu, dass unser Gegenüber seine Meinung ändert. Wenn wir ihn oder sie aber einfach an unserer Sicht teilhaben lassen, können wir hier und da doch die Welt der Anderen ein Bisschen erweitern.




