Gerade kehrte ich zurück von meiner gefühlten 120. Logopädiestunde. Schön war´s. Geradezu euphorisierend. Diese immense Stundenzahl ist deswegen möglich, weil ich Proband an einer Lehranstalt für Logopädie bin. Es ist also eine klassische win-win-Situation; beide Seiten profitieren. Eine Situation, wie sie bei jedem anständigen Handel stattfinden sollte.

Ursprünglich hatte ich nur vor, meinen S-Fehler zu beseitigen. Schwierig genug, eine Technik umzustellen, die über 30 Jahre falsch gemacht wurde. Der Grund für diesen Schritt war, dass ich vorhatte und -habe, vor die Kamera zu treten. Und da mir mein Sprachfehler nicht gefiel, unternahm ich diesen Schritt. Nach viel Mühe, insbesondere dabei das Gelernte in den Alltag zu integrieren, spreche ich jetzt ein ganz vernünftiges S. Dies zeigte mir, dass man nichts als gegeben hinnehmen muss, bloß weil es schon immer so war. Alles ist veränderbar.

So auch meine Stimme. Die klang nämlich immer ein wenig wie die von Willi aus Biene Maja. Knarrend, gepresst, belegt. Sie klang so, dass sie mir unangenehm war, wenn ich sie auf Band hörte. Es war eine regelrechte Qual für mich. Aber, wie oft hört man sich schon außerhalb von einem selbst? Aus diesem Grund bestand so lange keine Veranlassung etwas gegen meine Willi-Stimme zu tun, bis mir eine Lehrerin der zuvor genannten Lehranstalt eine Stimmtherapie nahelegte. Und da ich eigentlich alles ausprobiere, was auf so eine Art und Weise in mein Leben tritt, trat ich auch noch als Stimmproband an. Mühselig war es zu Beginn, wie bei jedem Übergang zu etwas Neuem. Aber jetzt produziere ich O´s und A´s, die sich ganz ausgezeichnet anfühlen. Klang und Wohlbefinden stehen nämlich in Abhängigkeit. Ich fühle mich immer ganz ausgezeichnet, wenn mir ein Ton gut gelingt. Geschieht dies, nährt sich der Ton selbst. Ich bin dann der Kanal für den Ton, der völlig unangestrengt danach strebt, den Raum zu füllen. Es ist dann wahrhaftig so, wie die Hauptfigur in dem ganz wunderbaren Film “Wie im Himmel” beschreibt, nämlich dass jeder seinen ganz individuellen Ton besitzt, dass die Musik und der Klang längst DA sind und dass wir Musik und Klang auf die Erde holen müssen. Wir würden Musik und Töne also nicht erzeugen, sondern kanalisieren.

Heute bestand eine Aufgabe meiner Logopädiestunde darin, ein Gedicht vorzutragen. Mit der nötigen Emotion. Und es war wirklich ein Erlebnis für mich. Denn als die Voraussetzung der unangestrengten Stimme und der nötigen Resonanzräume erfüllt war, konnte ich mich auf den Inhalt, den Ton und die Emotion des Gedichtes konzentrieren. Ich kriege gerade ein bisserl Pippi in die Augen, wenn ich daran denke. Denn der mit Gefühl verknüpfte Klang entfaltete eine Kraft, die mir außerordentlich gefiel und die bei der Logopädin eine Gänsehaut auslöste. Das war also der Gänsehauteffekt: Eine Mixtur aus Gefühl, Klang und Worten. Natürlich kann der Effekt auch ohne Klang und Worte stattfinden. Gefühle, also Schwingungen sind aber auf jeden Fall erforderlich. Die Authentizität der Gefühle ist es, was einen Sänger zu einem berührenden Sänger macht. Gefühle sind für das ansteckende Moment verantwortlich, was in Gesprächen aufkommen kann. Wenn jemand von einer Sache begeistert ist, so kann diese authentische Begeisterung ansteckend sein. Sie kann sich übertragen. Ebenso verhält es sich mit FREUDE und sämtlichen anderen Zuständen oder Schwingungen. Und wenn ich, während ich spreche, in der LIEBE bin, so werden meine Worte HERZEN berühren.

Hier ist noch ein kurzer Film von dem Obertonsänger Miroslav Grosser, den ich mal live erleben durfte und der mich mit seiner Kunst sehr beeindruckt hat. Er ist ein schönes Beispiel dafür, welche Kraft Klang entwickeln kann.

Und hier noch Gabriellas Song aus dem Film “Wie im Himmel”, den sie trotz des Verbots ihres prügelnden Mannes singt und fühlt. Ich bekomme jedes Mal Tränen der Rührung.