Das Leben stelle ich mir in etwa so vor:
Im Moment unserer Geburt oder eigentlich noch davor, aber was ist schon Zeit, wartet bereits ein maßgeschneidertes, sich immer bewegendes Spielfeld auf uns. Ein mehrdimensionales Spielfeld, auf dem wir, mit ganz bestimmten Fähigkeiten und Talenten ausgestattet, munter unser Spiel des Lebens spielen können. Manche Dinge sind feststehend: Welchen Menschen wir begegnen, welche Herausforderungen auf uns warten, wenn wir bestimmte Wege eingeschlagen haben, mit welchen Problemen wir hauptsächlich konfrontiert werden. Jedes individuelle Spielfeld richtet sich nach den Erfahrungen, Worten und Taten vergangener Leben aus. Manche Felder scheinen facettenreicher, spannender und glücklicher als andere. Immer sind verschiedene Spielfelder miteinander vernetzt und bedingen sich gegenseitig, so dass oberhalb, unterhalb und inmitten all derer noch ein großes gesamtes Spielfeld besteht, das aus allen anderen Feldern zusammengesetzt ist.
Manchen Menschen ist es sehr lieb, wenn sie ein sehr übersichtliches Spielfeld haben. Es ist dann zwar klein und ändert sich wenig, aber sie haben in ihrer kleinen Welt den Überblick. Diese Menschen haben Angst vor Veränderung und lassen oft nur ihre kleine Sicht der Dinge gelten, um nicht Gefahr zu laufen, über ihre Spielfeldgrenzen hinaus schauen zu müssen.
Um seine Spielfeldgrenzen erweitern zu können, warten Herausforderungen und Prüfungen. Diese können aus Worten, Reflexionen, Gefühlen oder Erfahrungen bestehen. Und so eine Erfahrung durfte ich dieses Wochenende erleben.
Früher scheute ich die meisten Formen der Herausforderung. Angst vor Zurückweisung und Versagen zeigte sich hierfür hauptverantwortlich. So bewarb ich mich beispielsweise nie für eine Arbeitsstelle, in der ausdrücklich sicheres Englisch gefordert wurde. Der Grund dafür war ganz schlicht, dass mein Englisch beschämend schlecht war und ist. Die in der Vergangenheit nicht gelernten Vokabeln machen sich doch irgendwann bemerkbar. Im Urlaub ließ ich meistens Freunde sprechen, die zu meiner großen Bewunderung einfach immer gleich, als wäre nichts gewesen, auf englisch loslegten. Als ich aber vor wenigen Wochen von einer Hochzeitsplanerin gefragt wurde, ob ich eine zweisprachige Zeremonie durchführen könnte und darüber hinaus auch noch in einem sehr edlen Ambiente, sagte ich einfach ja. Sagte aber auch, dass ich meine Rede übersetzen lassen würde, diese aber so vortragen könnte, dass keiner merkt, wie schlecht mein Englisch eigentlich ist.
Gesagt getan, das Paar wählte mich aus und ich hielt eine zweisprachige Rede, die ich sehr gelungen fand, was auch an der tollen Liebesgeschichte des Paares lag. Die Bezahlung überlasse ich immer dem Brautpaar. Der Bräutigam brachte mir dabei eine wunderbare Wertschätzung entgegen. Er sagte nach der Trauung, dass er zwar das Geld mithabe, was er zu geben dachte, dass er es aber für die schöne Zeremonie doch zu wenig fand. Also legte er einfach von sich aus noch etwas drauf, so dass ich eine äußerst stattliche Bezahlung hatte. Dabei geht es mir weniger um das Geld, als vielmehr um die Geste, um die Wertschätzung.
Ich habe eine Herausforderung angenommen und sie gemeistert. Und so wie ich in kleinen Schritten meine Spielfeld erweitere, zum Teil auch in feinere Dimensionen, so kann jeder die Herausforderungen, die sein Leben an ihn stellt annehmen und meistern. Wenn jemand mir etwas erzählt, frage ich mich, warum das so ist und ob es vielleicht die Auseinandersetzung damit eine Herausforderung oder einen Lernprozess darstellt. Wenn jemand nahe stehendes krank wird oder ich selber krank würde, nähme ich dieses als Aufforderung an, etwas genau zu betrachten, mit etwas umzugehen und es anzugehen. Jede Krankheit ist eine Tür zu anderen Bereichen des eigenen Spielfeldes.
Und so, wie wir jeder einzelne unser Feld erweitern und immer schöner gestalten, denn je weiter es wird, desto schöner wird es meist auch, wird sich auch das Große Ganze freundlicher gestalten. Aufmerksamkeit ist dabei ein entscheidender Faktor. Selbst kleine, profan erscheinende Probleme können einen riesigen Berg von Problemen unter sich verstecken, den es zu bewältigen gilt. Ich freue mich auf jeden Fall auf weitere Herausforderungen, damit ich irgendwann den Überblick über ein erfreuliches Spielfeld habe werde.




