Das genaue Datum, an dem ich den Tee trank, fällt mir gerade nicht ein. Auf jeden Fall änderte sich im Februar des Jahres 2000 mein Leben. Meine insgeheimen Hoffnungen auf einen Weltuntergang zur Millenniumswende materialisierten sich bekanntermaßen nicht. Ich dachte, wenn die Welt unterginge, hätte ich alles richtig gemacht: der ständige Raubbau an meinem Körper und meine ausufernden Fernsehgewohnheiten; nichts für die Uni oder die Schule getan, mich selten mit mir beschäftigt und mich nie um einen Job gekümmert zu haben. Die Angst vor der Zukunft wäre einfach pulverisiert worden, noch bevor sie sich ihren Weg gebahnt hätte.
Aber die Welt existierte noch. Ich würde mich wohl oder übel dem Erwachsenwerden stellen müssen.
Ich saß in der Küche meiner damals sagenumwobenen Deisterstraßen-Studenten-WG in Hannover, einem Ort legendärer Partys, einem Ort ständigen unflätigen Herumbölkens, einem Ort, der nicht durch peinliche Sauberkeit auffiel, einem Ort, vor dem Mädchen aus gutem Hause gewarnt worden wären und wurde plötzlich von dem Gedanken inspiriert, doch mal den Tee zu kosten, den mir meine damalige Freundin und jetzige Frau Rike als kleines Zusatzpräsent zum Geburtstag geschenkt hat. Ich trank selten Tee, ausgenommen einem klebrig-süßen Granulat-Teegetränk, das bei uns Puma-Pisse genannt wurde. Für eine Mark konnte man erstaunliche Mengen Getränk erzeugen. Kurzum, der Verfasser des britannischen Tee-Knigge wäre in meiner Gegenwart nicht amüsiert gewesen.
Teebeutel oder gar loser Tee hatten in der Deisterstraße Hausverbot. Aber na ja, wenn Rike mir was schenkt, musste ich es wohl probieren. Sie war und ist schließlich eine Art Katalysator dafür, dass mein Leben weitergeht, ich neue Erfahrungen mache, neue Einsichten bekomme. Wenige Monate zuvor hatte sie mich zu Sushi eingeladen, das solche Geschmacksexplosionen entfesselte, dass ich vollkommen beseelt war. Sie zeigte mir neben solch scheinbaren Nichtigkeiten die wahre Liebe, einen anderen Blick auf die Realität (wenn die gewusst hätte, was sie damit auslöst), tiefes Glück, Kostproben von Weisheit und sie konfrontierte mich nicht zuletzt mit mir selbst. Und dieser manchmal etwas anstrengende Prozess hört natürlich nicht auf.
Ob der ayurvedische „Goldene Aura Tee“ auch irgendeinen Effekt hervorrufen würde?
Die Packung strotzte nur so vor weisen Sprüchlein und Anleitungen, wie man durch Yoga die Aura stärken könne.
„Es kommt nicht auf das Leben an, sondern auf den Mut, mit dem du es lebst.“ - dieses Zitat eines ominösen Yogi Bhajan starrte mich an, als ich die Schachtel öffnete. Ich hatte mit dem ganzen nach Patschuli und Räucherstäbchen muffenden Eso-Kram nichts am Hut, mutlos war ich außerdem, aber ich klappte dennoch wacker den Deckel auf und hielt meine Nase rein. Es roch pfeffrig und indisch, nicht unangenehm. Ich klaubte einen Teebeutel raus, übergoss ihn, wie in der Zubereitung nahe gelegt, mit sprudelnd heißem Wasser und entschied mich aus der vorgegebenen Ziehen-Lass-Skala von 4 – 6 Minuten für die goldene Mitte von 5 Minuten.
Das Erlebnis, das sich mir nach den ersten vorsichtigen Schlucken bot, ließ sich zunächst nicht mit dem von Sushi vergleichen, zeigte sich aber sehr angenehm und hinterließ umgehend ein behagliches Kribbeln auf meiner Haut. So was kannte ich bisher nur von meinen diversen Drogen-Erfahrungen und frohlockte über die Abwechslung eines Kicks durch etwas Legales, das zu allem Überfluss auch noch gesund sein sollte. Das Kribbeln weitete sich aus. Es fühlte sich an, als würde meine Haut durchlässiger werden. Als wenn sich die Poren stärker öffnen würden. Als wenn ich weniger abgeschlossen vom Außen wäre.
Geistig traten auch Veränderungen ein.
Mich peinigten seit geraumer Zeit Wortfindungsschwierigkeiten, was besonders in der Uni sehr lästig wurde. Es weitete sich zum regelrechten Syndrom aus. Hatte ich gerade einen Satz begonnen, stand ich plötzlich vor dem Nichts und musste von Kommilitonen vervollständigt werden. Referate hielt ich daraufhin nur noch mit ausformulierter Vorlage, da ich immerhin über die Gabe verfügte, in etwa so zu sprechen, dass das Abgelesene wie freie Rede wirkte.
Aber jetzt, nach dem Genuss des Tees, strömten die Wörter völlig unangestrengt aus meinem Mund. Mein Geist fühlte sich frei an, wie frisch gewaschen. Ich musste die Worte nicht suchen. Sie suchten mich.
Alleine ging ich aus. Ich strotze vor Selbstsicherheit, hörte mich kluge Dinge sagen, bemerkte ungläubig meinen Charme.
Verliebte Blicke trafen mich, fließende, fast schwerelose Tanzbewegungen nahmen von mir Besitz. Die Rückfahrt auf dem Fahrrad schien trotz etlicher Cocktails wie auf Schienen zu verlaufen. Das war nicht immer so.
Wach ging ich ins Bett. Wach schlief ich ein. Hellwach wachte ich auf; das Gefühl der Weite und der Frische war noch anwesend!
„Nachlegen“, schrie mein drogenkonditionierter Geist. Ich legte nach. Irgendwas sollte mit mir an diesem Tag geschehen. Wenn ich nur wüsste was!
Den Abend verbrachte ich mit meiner Liebsten und einem befreundeten Pärchen. Es war ein recht müder Haufen. Na ja, wenn man von einer klitzekleinen Ausnahme absieht. Ich sprühte. Eine Knallergeschichte gab den Staffelstab an die nächste weiter. Während jeder, bitte verzeih mir die Lobhudelei, unerhört pointiert dargereichten Anekdote scharrte schon die nächste ungeduldig mit den Füßen, um endlich der Unterhaltung dienen zu können.
Irgendwann drückte meine Blase. Ich schritt zum Gästeklo, wo eine (zunächst) böse Überraschung auf mich lauerte. Etwa sieben Spinnen bewohnten das klitzekleine WC. Mich belagerte schon seit Kindestagen eine hysterische Spinnenangst. Wenn mein Vater einen Achtbeiner mit Hilfe eines Glases nach draußen brachte, während ich hinter zugeschlossener Tür - sicher ist sicher - schlotternd kauerte, konnte ich später nicht mal das Glas anfassen.
Aber jetzt - war irgendwas anders. Ich rannte nicht davon. Ich blieb. Hielt inne. Zittern wich Entschlossenheit. Dachte: ,Nö, heute nicht. Sieh dir die Spinnen einmal genau an.´
Wie hypnotisiert folgte ich ihrem Treiben.
,Großartig. Diese Meisterwerke der Natur mit ihren feingliedrigen, anmutigen Bewegungen. Fließend, niemals unbeholfen. Über alles erhaben.´
Klick.
In 30 Sekunden geheilt. Ein etwas unglaubwürdiger Slogan für eine Anti-Angst-Therapie. Bei mir war es so.
Danke, weitermachen! Nächste!
Eine Stunde oder 20 weitere unerhört erheiternde Anekdoten später standen Rike und ich vor ihrer Haustür. Sie schloss auf. Die geöffnete Tür gab den Blick auf den zuckersüßen Jack-Russel-Terrier ihrer Mutter frei, der bereits ungeduldig quiekend seine Krallen am Holz wetzte.
Die Reaktion des Hundes auf mich glich keiner, die ich von ihm kannte:
Er nahm mich völlig in Beschlag. Ließ nicht von mir ab. Versuchte alles, um mir möglichst nahe zu sein. Begleitet von hochfrequenten, nie gehörten Lauten.
Das Verhalten war nicht sexuell, wie Du jetzt vielleicht denken könntest. Pia war eine Hunde-Dame, die, selbst wenn sie läufig war, sich nicht die Bohne für Sex interessierte. Als junger Hund hatte sie eine unerfreuliche Begegnung mit etwas, das zumindest den beteiligten Rüden anmachte.
Ihr jetziges Gebaren erschien mir wie eine Mischung aus unendlichem Glück und der puren Verzweiflung, nicht näher bei mir sein zu können, als sie es ohnehin schon war. Da das Schauspiel nicht enden wollte, brachte ich den Hund unter seinem lautstarkem Protest in das Schlafzimmer von Rikes Mutter.
Mein lieber Herr Gesangsverein, wieder so ein merkwürdiger Zwischenfall. Mein Herz puckerte so freudig erregt, als würde es erst in Kürze wirklich geboren werden.
Der Sex, den Rike und ich haben sollten, glich, zumindest aus meiner Sicht, wiederum nichts, was ich jemals erlebt hatte. Jede zarte Berührung meines Arms stellte sämtliche bisher erlebte Orgasmen mit Leichtigkeit ins Abseits. Meine Haut war so sensibilisiert, dass jeder Kontakt meinen gesamten Körper schwingen ließ. Meinen Körper, der sich so völlig anders anfühlte als bisher. So fluffig.
Zum überirdischen Sex musste ich aktiv überhaupt nichts beisteuern. Er geschah einfach. Und ich wusste, dass er perfekt würde. Intuitiv.
Eine sagenhafte Zeit später lag ich auf dem Rücken und blickte gebannt in völlige Dunkelheit. Ich konnte heute, hier und jetzt Blockierungen abbauen, das war klar. Ich konnte loslassen und mich in den Fluss begeben und nie für möglich gehaltene Erfahrungen ernten. ,Was könnte ich denn jetzt mal machen´ dachte ich bei mir. ,Vielleicht ein Lied komponieren?! Genau, das mach ich mal.´ Ich stand zu der Zeit auf treibende House-Sounds und dachte mir zuerst einen Beat. Nicht dass ich je ein Instrument gespielt hätte. Der Rhythmus durchdrang meinen Geist. Ich musste wieder nichts tun. Er durchzog mich einfach. Auf den Beat platzierte ich einen Soundeffekt. Anschließend einen markigen Basslauf. Yeah. Innerlich tanzte ich wild dazu. Jetzt noch eine kurze Melodie-Sequenz und einen durchdringenden Stimmeffekt. Woah. Wicked! Durch mich floss ein wirklich scheißegeiler House-Track. Komponiert in Echtzeit. Und mein Hirn war in der Lage, alle Spuren gleichzeitig abzubilden. Ich hatte früher häufig versucht, synchron einen Rhythmus und eine Melodie zu denken. Ist mir nie gelungen.
Gut, das hätten wir. Lied komponieren und komplett im Geiste hören ist geglückt. Was nun? Geschehen lassen, was anstand. Ohne was zu tun. Das konnte ich. Gelernt ist gelernt.
Vor meinem inneren Auge formte sich ein Lichttunnel, der an den Warp-Antrieb aus Star-Trek oder diesen Hyper-Antrieb aus Star Wars erinnerte. Die Röhre aus Licht schlängelte sich wie ein Wurm durch endlose Schwärze, sog mich ein und katapultierte mich mit Affenzahn hindurch. Schleuderte jede meiner Poren durchs All. Begleitet von einem Gefühl, das reines Glück war. Angst hatte nichts zu melden. Ich war mir bewusst, dass ich auf einem Bett lag und gleichzeitig zog es mich in den Kosmos. Immer weiter. Immer tiefer. Um sich schließlich aufzulösen.

Ich war DA!

In völliger Ruhe.

Endlos.

Mit allem verbunden.

Badete in LIEBE.

Schwerelos.

Ich war ALLES!

Uff. Na, das ist ja mal nen Ding. Was soll denn das jetzt? Was kann ich denn jetzt machen?

DU KANNST ALLES MACHEN!
Alles?
ALLES!

Ah ha. Ähm, dauernd nur Fernsehen und kaputt Saufen is wohl nicht mehr, oder?

Keine Antwort ist auch ne Antwort. Jetzt, Jahre später, weiß ich endlich, was ich machen möchte. Nämlich das! Dir zu sagen, dass Du DA bist!