Mit dem Tod beschäftigt man sich meist erst dann, wenn man ihn in der nächsten Umgebung erlebt. Für die Meisten stellt er ein Tabu oder auch die größtmögliche Katastrophe dar. Ich erlebte ihn gerade, als meine Mutter gestorben ist. Natürlich bin ich sehr traurig, meine Mutter verloren zu haben, die mein gesamtes Leben begleitet und die mich bedingungslos geliebt hat. Es ging mir jedes Mal sehr nahe, wenn viele Einwohner des kleinen Städtchens, in dem meine Mutter wohnte, weinend auf mich zu kamen und mich wortlos in die Arme schlossen. Sich von meiner toten Mutter zu verabschieden, war gleichermaßen erschütternd wie friedlich. Meinen Vater zum ersten Mal in meinem Leben weinen zu sehen, lässt bei mir einen Kloß im Hals anschwellen. Für ihn ist der Tod natürlich am Schwersten zu verkraften, weil er seinen Lebenspartner verloren hat.

Aber wenn man hinter die Trauer blickt, hinter den Wehmut, dann sieht man auch sehr viel Schönes. Das Verhältnis von meinem Bruder, meinem Vater und mir ist viel intensiver als vorher. Alles Organisatorische haben wir sehr harmonisch und einhellig regeln können. Ich werde in Kürze zum ersten Mal mit meinem Vater in den Urlaub fahren. Wir tauschen uns über den Tod und das Leben danach und den Sinn des Lebens aus. Wir erleben eine überwältigende Welle des Mitgefühls. Bei der Beerdigung sah ich liebe Verwandte wieder, die ich seit 20 Jahren nicht mehr gesehen habe.

Ein Tod ist immer auch der Anfang von etwas Neuem. Für neue Verbindungen, für einen Neuanfang im Leben. Man muss ihn nur annehmen, was selbstverständlich sehr schwer fällt, aber nach einer gewissen Zeit ist es möglich. Da ich bereits vor dem Sarg meiner Mutter gesprochen habe und jeder lesen kann, was ich für Gedanken zu Papier gebracht habe, liest du hier die Grabrede, die die schwierigste Rede meines Lebens darstellte. So etwas kann man nicht proben. Und so schluchzte ich den Anfang und weinte fast bei der Stelle, die mich betraf. Aber zu diesem Anlass durfte es genauso sein und die Trauerfeier war, wenn man das überhaupt sagen kann, sehr schön. Das ist für Dich, liebe Mutter:

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Zunächst möchte ich mich im Namen meiner Familie bei allen hier für die überwältigende Welle des Mitgefühls und der Anteilnahme bedanken, die uns in dieser schweren Zeit sehr viel Trost gespendet hat und die eine tiefe ehrliche Würdigung für das Leben meiner Mutter darstellt. Vielen Dank.

Susanne hat sich schon seit Jahren Gedanken um ihre Beerdigung gemacht. Immer, wenn sie davon sprach, sagten wir unwirsch: „Ach, lass das doch mal, es dauert doch noch Jahrzehnte, bis Du stirbst.“ Aber sie ließ sich nicht davon abbringen. Wenn Susanne Hampf etwas wollte, dann tat sie es auch. Innerlich schien sie bereits vorauszuahnen, dass es nicht bei der Planung bleiben sollte. Alles, was wir heute sehen und erleben, ist genau so, wie sie es wollte:

Die Farbtupfer bei unserer Kleidung, die in all dem traurigen Schwarz auch die Hoffnung und die Würdigung des Lebens symbolisieren sollen, der Sarg, der auf keinen Fall aus schwerer Eiche bestehen sollte, das Rosengesteck auf dem Sarg, der Umstand, dass statt teurer Kränze für eine Stiftung gespendet werden sollte, Pastor Sachse, den meine Mutter sehr sehr geschätzt hat, die Auswahl der Musik, wobei sie immer wieder betonte, dass auf gar keinen Fall „So nimm denn Deine Hände“ gesungen werden sollte, dieses Foto, das ihr sehr gefiel, die Art des Grabes und des Steins, die Todesanzeige, die je nach Perspektive einen Sonnenunter-, oder auch einen Sonnenaufgang zeigt.

Alles hier ist meine Mutter. Alles hier sind ihre Gedanken. Und vor wenigen Monaten hat sie, nach den vielen Überlegungen zu ihrer Beerdigung, auch Frieden mit dem Tod geschlossen. Eine liebe Freundin schenkte ihr ein Buch, das beschreibt, dass der Tod kein Ende, sondern immer auch ein Anfang, ein Übergang, ist. Dieses Buch hat bei ihr zu einer tiefen Erkenntnis geführt. Sie hatte keine Angst mehr vor dem Tod.

Liebe, liebe Mutter, ich hoffe sehr, dass hier alles in Deinem Sinne ist. In unserem Sinne ist es, Dir zu sagen, dass Du in unseren Herzen ewig leben wirst. Du wirst in unseren Herzen leben als ein Mensch, der immer gegeben hat, der immer zuerst an Andere gedacht hat.

Du wirst in unseren Herzen leben als ein Mensch, der danach strebte, immer das Richtige zu tun, um möglichst viele Menschen glücklich und um die Welt ein bisschen besser zu machen.

Du wirst in unseren Herzen leben als ein Mensch, der auf eine sehr glückliche Art bescheiden war.

Du wirst in unseren Herzen ewig leben als ein Mensch, der sich mit allem was er hatte für die Gerechtigkeit einsetzte, auch wenn das mal bedeutete, eine betrunkene gewaltbereite Horde davon abbringen zu wollen, einfach Bierdosen durch die Gegend zu schmeißen oder Dich bei einer Demonstration der übermächtigen Polizei entgegen zu stellen In diesen Momenten warst Du bewundernswert furchtlos, auch wenn Du Dich manches Mal selbst in Gefahr gebracht hast.

Du wirst in unseren Herzen ewig leben als ein ganz besonderer Mensch, der mit seiner Herzlichkeit, mit seiner Hilfsbereitschaft und Freundlichkeit so vielen anderen Menschen Freude gegeben hat.

Du wirst in unseren Herzen ewig leben als ein Mensch, der auch im Leiden immer großen Kampfgeist zeigte und sich niemals beklagte.

Du wirst in unseren Herzen ewig leben als ein sehr zufriedener Mensch, der eine wunderbare Ehe mit einem wirklich tollen Mann geführt hat, ein Mensch, der am Glücklichsten inmitten ihrer Familie, ihrer Verwandten und ihrer vielen Freunde war. Du wirst in unseren Herzen ewig leben als ein Mensch, der sein Leben genau so führte, wie er es wollte.

Und Du wirst in meinem Herzen ewig als meine Mutter leben, die mir unerschütterliche Sicherheit in meinem ganzen Sein geschenkt hat. Als meine Mutter, die mich bedingungslos geliebt hat, egal was ich für Verrücktheiten gemacht, egal was ich für Absonderlichkeiten gesagt habe. Du hast immer hinter mir gestanden, hast mich vor anderen verteidigt wie eine Löwenmutter. Bedingungslos. Ich danke Dir und ich liebe Dich.

Meine Mutter war immer die, die Musikern oder Schauspielern im Theater frenetisch zujubelte, denen sie begeistert Applaus spendete, wenn ihr eine Vorstellung besonders gefallen hat. Es war ihr immer sehr wichtig zu zeigen, wenn ihr etwas gefiel. Bei allem Respekt, den wir vor dem Tod haben, bei aller Trauer, die wir in uns tragen, ist es mir ein großes Bedürfnis, dass wir uns alle erheben, …, und uns mit einem frenetischen Applaus nach Art von Susanne Hampf für alles bedanken, was sie war und was sie uns gegeben hat. Das ist für Dich, liebe Mutter. (Applaus - stehende Ovationen, hat geklappt : )