Jetzt, wo die Weihnachtszeit angebrochen ist, möchte ich Dich nicht mit Hintergründen des Terrors in Mumbai, oder den fiesen Machenschaften der Systeme behelligen, sondern ich spreche heute über ein auf den ersten Blick völlig unbedeutendes Thema, von einem Hass-Objekt kritischer Geister und vieler Kopfmenschen, die was auf sich halten, ich spreche tatsächlich vom Super-Talent auf RTL, dessen großes Finale ich mir am Wochenende einverleibt habe.

Ich könnte natürlich darüber schreiben, dass es ekelhaft ist, wie arme Menschen zur Belustigung der schadenfrohen Fernsehgemeinde vorgeführt werden, dass es völlig sinnlos ist, aus hoch talentierten Menschen völlig unterschiedlicher Gebiete einen Sieger, einen Star zu küren, dass so eine Sendung überhaupt nur zu dem Zweck produziert wird, um teure Werbeclips zu verkaufen, die zum Kauf von Produkten animieren sollen, die schädlich für uns und alles sind oder dass das gefundene Talent hinterher mit Knebelverträgen ausgequetscht wird wie eine Zitrone. Aber, ich habe natürlich ein aber, denn sonst würde ich diesen Artikel ja nicht schreiben.

Denn was sich mir in der Finalshow an Talent, Biographien und Kommentaren der Jury geboten hat, trug auch zu etwas Gutem bei. Dem Zuschauer wurde deutlich, dass Menschen, die durch das Netz der Gesellschaft fallen, trotzdem eine Begabung, eine Gabe haben können, andere zu berühren.

Die Erkenntnis, dass jemand, der halb blind, gehbehindert und Hartz4-Empfänger ist, Menschen mit einer simplen Mundharmonika und dem wunderbaren Ave Maria verzaubern kann, ist doch ein Gewinn! Natürlich hat er auch wegen dieser Biographie das Ding gewonnen. Gleiches galt ja schon für Paul Potts in der britischen Variante. Aber ist es nicht trotzdem schön? Allein die Telekom-Werbung, und natürlich ist es scheußlich, mit so einer märchenhaften Geschichte Werbung zu machen, treibt mir immer wieder von neuem die Tränen in die Augen. Denn Potts hat die Fähigkeit, mit seiner Stimme etwas Unsichtbares zu tranportieren, etwas, das sich jeder Definition entzieht, etwas, das direkt ins HERZ geht. Und das ist der Grund, warum ich über dieses scheinbar triviale Thema schreibe. Ich wurde, auf unserem Sofa lümmelnd, von fast jedem Kandidaten berührt. Sei es von dem fantastischen Auftritt des spirituell wirkenden Jongleurs, der traumwandlerisch die Kugeln über seinen Körper gleiten ließ oder dem Derwisch, der sich in Trance drehte und vorher bemerkte, dass Geld nur Papier sei, während das, was im HERZEN läge einem Diamanten gleiche, sei es von dem gefühlvollen  Sänger, der seit 14 Jahren mit einer HI-Diagnose lebt und nach Jahren der Demütigung und Krise jetzt ein glückliches Leben führt oder sei es von Kinder, die einen hinschmettern, dass man nicht glauben kann, dass diese Stimme aus dem Bauch eines kleinen Mädchens kommen kann.

Die Kommentare der Jury strotzten nur so vor Spiritualität: “Ich liebe Dich”, sagte Bruce Darnell zig Mal aus tiefster, ehrlichster Überzeugung, und damit hat er nicht gemeint, dass er mit den Kandidaten nach der Show schnell in die Kiste hopsen will. Oder? Nein, nein, er hat es anders gemeint.  Viele Male fiel das Wort magisch oder magic, die Kandidaten hätten sie verzaubert, hätten ihr HERZ geöffnet, viele Male wurden Tränen aus dem Gesicht gewischt, viele Male sah man selige, glückliche Gesichter. Alles bloß inszenierter Kitsch, werden da einige denken. Natürlich ist vieles an der Show inszeniert, aber die Auftritte waren echt und die meisten Jurykommentare, so weit lehne ich mich jetzt mal aus dem Fenster, waren auch echt und integer.

Die Jury, die Zuschauer, ich, wurden berührt. Natürlich nicht jeder, eine Resonanz zu Gefühlen dieser Art ist natürlich erforderlich. Ist diese Resonanz vorhanden, war man für die Zeit der Auftritte in einer Welt jenseits der Zeit, jenseits der Gedanken. Jeder, der andere auf eine erhebende Weise berühren, der andere aus seinen Gedanken holen kann, hat nach meiner Ansicht einen Zugang zu der Quelle, die außerhalb unserer materiellen Welt liegt. Und wenn klar wird, dass es völlig egal ist, was jemand innerhalb des Systems für eine Funktion hat und dass er trotzdem ein außerordentliches Talent haben kann und dass es so etwas wie Magie gibt und man mit einem Instrument, seinem Körper oder seiner Stimme ins HERZ treffen kann, wird doch zumindest unterbewusst deutlich, das es noch etwas jenseits der Materie geben muss. Dass mit Herz vermutlich nicht das Organ gemeint sein wird. Es wird klar, dass man mit HINGABE Großes erreichen kann. Dass das Leben nicht so determiniert ist, wie man vielleicht denkt. Dass wir es in der Hand haben und dass in uns Fähigkeiten schlummern, die geweckt werden wollen. Dass es andere Definitionsmöglichkeiten als unseren Beruf gibt, also die Tätigkeit oder oft die Notwendigkeit, mit der wir Geld verdienen. Vielleicht hat jeder von uns sein ganz eigenes Talent, was es nur zu entdecken gilt. Und das muss nicht gleich die Hochseilartistik sein, sondern kann im guten Zuhören liegen, in der Fähigkeit, andere zum Lachen zu bringen, zu bestärken oder zu inspirieren. Alles, was wir von HERZEN tun, und das kann auch schreinern, mauern, kochen oder malen sein. Wenn wir diese in uns liegende Fähigkeit ausbauen, können wir uns vielleicht genau so in die Gemeinschaft einbringen, wie es zuträglich wäre.  Und wenn das Super-Talent auf Rtl dazu beitragen sollte, dann immer her mit weiteren Staffeln!