Eine Bühne, einer Arena ähnlich, ein Stuhl, ein Mikrofon, ein Blumenstrauß. Die Tribünen voll besetzt mit 300 andächtigen Zuschauern. Ein Mann betritt die Bühne. Das Adjektiv “unauffällig” scheint auf den ersten Blick extra für ihn erfunden worden zu sein: Seitenscheitel, leichter Buckel, beige Hose, beiges Hemd, grauer Pullunder, Kinnbart. Alter undefinierbar. Irgendwo zwischen 35 und 60. Er sieht lächelnd ins Rund, schaut sich seine Umgebung an, schiebt den Stuhl zurecht, setzt sich hin, korrigiert noch mal seinen Sitz, legt die Hände in den Schoß und sieht versonnen in die Zuschauerränge. Nach einem leisen gelächelten “Willkommen” und nach einem weiteren kleinen Päuschen stellt er leise und bedächtig das Thema seines Vortrags vor:
Unser Thema an diesem Wochenende ist Stille … die untrennbar ist von dem, was Du im Innersten bist … Die Stille muss nicht gefunden, geschweige denn hergestellt werden, sie ist immer da, Du bemerkst sie nur nicht.
Mit diesen zwei Sätzen hat Eckardt Tolle mich bereits überzeugt. Dieser schüchtern wirkende Mann, der keine Power Point Präsentation, keinen Telepromter oder irgendwelche Aufzeichungen braucht, der trotz scheinbarer Unauffälligkeit so präsent ist, dass er keine weiteren Ablenkungen von dieser Präsenz benötigt.
Ich habe mir gerade den Vortrag “Stille inmitten der Welt” auf DVD angesehen. Was ich gehört habe, war so einleuchtend, so einfach, so wahrhaftig und so schön, dass ich Dir davon erzählen möchte. Der (scheinbare) Sinn des Lebens, das Wesen der Identität und das Wesen wahren Glücks - Themen, die nach schwerer Kost klingen, aber von Eckardt Tolle behutsam und einfach nahe gebracht werden, dass ich gar nicht anders konnte, als sie als WAHRHEIT zu erkennen. Einen hohen Unterhaltungswert hat der Vortrag außerdem. Einen subtilen Humor, der nicht beifallheischend ist. Eckardt beschreibt, dass der höchste Wert für unser Denken interessant sei. Er fährt er fort: Dieses Wochenende wird nicht interessant. Ihr habt es vielleicht schon bemerkt. Ausgelassenes Gelächter im Publikum, das verstanden hat, dass es hier nicht darum geht, das Denken mit interessanten Infos zu füttern. Es geht hier überhaupt nicht ums Denken, auf dem unsere Identität, unsere gesamte persönliche Geschichte aufgebaut ist. Wenn wir denken, konstruieren wir uns eine Realität, die eine Illusion ist. Das Resultat unserer Gedankenformen. Formen, die beispielsweise bei der Betrachtung von Natur nicht angemessen sind, wenn wir ihre Heiligkeit wahrnehmen möchten.
Ist ein Sonnenuntergang interessant? Oder eine Eiche? Die Eiche wird in dem Moment interessant, im dem wir sie mental analysieren. Kann ich unterschreiben. Wie bei einem Witz, dessen Pointe man nochmal erklären muss, was dann höchstens ein Kopfnicken, begleitet von einem ,aha, ja, hm, gut´, zur Folge hat, aber bestimmt kein enthemmtes Lachen. Durch unser ständiges Analysieren, Etikettieren und Interpretieren nehmen wir die Heiligkeit, die Schönheit und die FREUDE der Natur überhaupt nicht mehr wahr, so Tolle. Wir hätten uns einen Schleier des Denkens umgelegt, durch den wir die Wirklichkeit betrachten. Dieser Schleier würde nur fallen, wenn wir im Augenblick seien, in der Stille, im Jetzt, wenn wir die Formen, das was uns umgibt, einfach auf uns wirken lassen, ohne es zu beurteilen. Das aufmerksame Leben im Moment, das ist es. Dann strömt eine Intelligenz in uns, die nichts mit Intellekt oder Wissen, wie wir es gemeinhin kennen, zu tun hat. Herrlich. Jeder von uns kennt ja diese Momente, die aus dem ständigen Rumgedenke rausblitzen. Ehrfurchtsvoll kommen sie daher. Beim Betrachten eines Kindes, beim zufriedenen Schurren einer Katze auf unserem Schoß, beim Blick in die Natur.
Aber was sind wir eigentlich? Wir haben ja jeder ein Bild von uns. Wollen auf eine bestimmte Art sein. Wollen auf eine bestimmte Art wahrgenommen werden. Unsere Identität, das was wir zu sein glauben, sei eine vorgestellte Wirklichkeit. Der Wunsch, besonders zu sein, erklärt Eckardt. Das Erfüllen dieser vorgestellten Realität sei unser Sinn des Lebens.
Oh oh, da hat er mich. Ich zieh mal rasch das Messer aus meinem Herz. Nein, so schlimm ist es nicht, aber ich fühlte mich schon ertappt. Ich jage einer Vorstellung von mir hinterher. Einem Bild von mir, das ich gern sein würde. Ohne die Stille, ohne das Gewahrsein würde ich Zeit meines Lebens der Vorstellung hinterherhecheln, Anerkennung zu bekommen, geliebt zu werden, als Inspiration für andere wahrgenommen zu werden. Andere leben ihr ganzes Leben als Opfer der bösen Verhältnisse oder als unermüdlicher altruistischer Helfer und finden immer etwas, das ihrer Rolle, ihrer Identität, ihrer Vorstellung von sich entspricht. Es muss immer mehr sein, sonst setzt Leid und Enttäuschung ein.
Die Welt soll Dich frustrieren, spitzt Eckardt unter lautstarkem Gelächter diese Erkenntnis zu. Denn wenn sich das Selbst an Formen, Gedanken oder Materielles koppelt, wird es Enttäuschung erleben, weil sämtliche Formen vergänglich sind. Nur der Moment ist ewig. Die Stille, die immer da ist, ist ewig. Sie schimmert selbst aus jeder Form hindurch. Ist in allem enthalten, wir bemerken sie jedoch nur, wenn wir im Moment sind. Dieser eine und ewige Moment, der immer ist, wie er ist, kann mit all seinen Formen von uns umarmt werden, angenommen werden, GELIEBT werden. Dann würden wir den Ursprung aller Kreativität, aller Ideen, aller Schöpfung erleben.
Da sagen immer die meisten: “Ich kann nicht nicht denken!” Und genau das ist es. Sie müssen immerzu denken, ohne dabei wirklich weiterzukommen. Sie sind gefangen in einem Gefängnis aus Gedanken und ich schließe mich da nicht aus. Ich werde mir vornehmen, in der Natur einfach gewahr zu sein, beim Gehen einfach auf meinen nächsten Schritt zu achten, meine Umgebung zu betrachten, dem Treiben auf der Straße zu folgen und einfach zu sein. Diese Momente des Nichtdenkens blitzen auch so immer wieder mal auf, beim Sport, beim Sex, beim Tanzen, beim Malen oder Gestalten. Wir könnten ruhig, so Eckardt, mit den uns umgebenden Formen spielen, das sei doch schön. Wichtig sei aber, dass wir uns nicht in ihnen zu verlieren. Darin liege der Schlüssel. Puh, dann muss ich nicht gleich alles, was ich zu sein dachte, über Bord schmeißen. Denn je schöner wir uns unsere Illusion zusammenzimmern, desto leichter wird es, in die Stille zu kommen. Wenn wir Hunger haben, wird es schwierig, einfach gewahr zu sein. Ebenso wenn wir Angst haben oder auf irgendetwas wütend sind. Wenn wir unsere Wirklichkeit so konstruieren, dass wir damit glücklich sind, uns aber gleichzeitig nicht vormachen, dass mehr Glück durch mehr Anerkennung, mehr Freunde, mehr Popularität zu erreichen ist, dann können wir ganz gemütlich und voller Ehrfurcht den Moment, das JETZT beobachten. Und das wird nicht interessant, sondern heilig sein.




