Einen wesentlichen Bestandteil einer bewussten Lebensführung sehe ich darin, an sich zu arbeiten. Sowohl geistig in der Meditation, wie auch im Alltag. Manchmal merke ich gar nicht so recht, dass ich der Grund für unangenehme Stimmung bin, aber wenn ich darauf hingewiesen werde und darüber nachsinne, zeigt sich mir, dass ich weiter an mir arbeiten muss. Zwar ist es in dem jeweiligen Moment der Konfrontation nicht gerade angenehm, weil wir uns vor Augen führen müssen, dass wir beispielsweise suboptimal agiert haben. Aber rückblickend ist es immer wieder ein Segen.

Es war keine große Szene, die mir am Wochenende gemacht wurde, kein Gott des Gemetzels, aber ich musste doch feststellen, dass meine Frau genervt von mir war. Ich strebe natürlich genau das Gegenteil von Genervtheit auf meine Person an, eher sollten Inspiration oder Freude die Reaktion auf mich sein. Tja, aber dazu muss ich auch genau das ausstrahlen und die richtigen Worte wählen und genau diese wählte ich offenkundig nicht.

Es kam immer wieder auf das gleiche Thema und zwar darauf, dass ich nur noch machen möchte, was mir Freude bereitet. Ich möchte mich nicht in Situationen begeben, die mich herunterziehen. Nun ist daran aus meiner Sicht noch nichts Verwerfliches, wenn ich aber den falschen Ton wähle, werde ich in den Augen Anderer zu einer Art Arno Dübel, dem “dreistesten Arbeitslosen” Deutschlands, wie Bild titelte. Den meisten Deutschen ringen wir großen Respekt ab, wenn wir mitteilen, dass wir eine total anstrengende Arbeit ausüben oder keinerlei Zeit haben. Wenn wir aber sagen, “Ich mache, was ich will” oder “Hach, ich war heute schön in der Sauna und bin vorher ausgiebig geschwommen”, hält sich der Respekt dann doch in Grenzen und zeigt sich eher in Missgunst oder persönlicher Kränkung. Und zwar in der Art, dass ich im gemachten Nest sitze und hier aus dieser behaglichen Position gut Reden schwingen kann. Natürlich meine ich es anders, ich muss mich in einer anderen Art und Weise ausdrücken. Ich muss beispielsweise meiner Frau sagen, dass ich tiefen Respekt davor habe, was sie für ein Arbeitspensum leistet, dass ich dankbar und demütig dafür bin, dass ich mich auch dank ihr in dieser luxoriösen Lage befinde, das machen zu können, was mir am Herzen liegt.

Stattdessen sagte ich, dass sie frei in ihrer Entscheidung tun könne, was sie wolle, dass sie Arzt werden wollte und die Konsequenzen vorher kannte, dass sie Stunden reduzieren könnte und ich dafür mehr zum Haushaltsgeld beitragen würde. Demut, Respekt und Dankbarkeit suchte man in meinen Ausführungen vergeblich. Wie schön ist es jetzt, dass mir durch meine liebe Frau vor Augen geführt wurde, dass der Grad zwischen gesundem und ungesundem Egoismus ein schmaler ist. Dass wir nichts als selbstverständlich ansehen sollten, sondern dem Leben gegenüber dankbar und demütig sein sollten. Natürlich lebt jeder das Leben, was er sich entweder bewusst oder auch unbewusst ausgesucht hat. Aber wir sollten dem in jedem Fall Respekt entgegen bringen. Und wir sollten nicht wie ich, prahlend durch die Welt ziehen und mit dem Luxus der Zeit und der Wahlfreiheit angeben, für den ich wahrlich nicht ganz selbst verantwortlich gewesen bin. Dankbar sollte ich, sollten wir sein. Für Menschen, die uns dabei helfen, uns zu korrigieren.