Sind Krisen wichtig? Haben sie einen Sinn? Und wenn ja, wie können wir aus ihnen lernen, wie können wir uns aus ihnen befreien?
Diese Fragen stellte sich unter dem Motto “Erst kommt das Fressen, dann die Moral - Wie verändern uns Krisen?” eine sehr angenehme Talkrunde in der Sendung „Im Palais“, auf die ich zufällig, will heißen, nicht bewusst zielgerichtet, gestoßen bin. Die Runde beantwortete die Frage unter anderem aus dem Umgang mit sich selbst: Sie stritten nicht gegeneinander, sondern ergänzten sich miteinander. Jeder brachte seine Sicht der Dinge ein und befruchtete die der Anderen. So sei auch das künstlich erzeugte Konkurrenzprinzip in Schule und Wirtschaft ein Grundübel der Gesellschaft, sagte Gesine Schwan, die diesen Irrtum auch für die derzeitige Wirtschaftskrise mitverantwortlich machte.
Diese Gesine Schan, die wohl leider zu authentisch und ehrlich ist, um Bundespräsidentin zu werden, überzeugte mich auf ganzer Linie. Im Miteinander, in der Solidarität liege der Schlüssel, aus der Krise herauszukommen. Dieses Prinzip liege auch im Menschen verankert, während das Konkurrenzprinzip übergestülpt und unnatürlich sei, meinte auch der Besitzer des Café Einstein in Berlin, der schwerkranke Künstler und Autor Gerald Uhlig-Romero. Er ist überzeugt von der in jedem Menschen angelegten Güte und einem grundlegenden Mitgefühl. Es würde durch unser System überdeckt werden, aber spätestens bei Krisen würden diese, wie er es nannte, archetypischen Verhaltensweisen, wieder sichtbar werden. Er sprach sich auch sehr energisch dafür aus, dass in Grundschulen das Solidaritätsprinzip durch die besten zur Verfügung stehenden Pädagogen vermittelt werden müsste. Wir müssten einfach erkennen, dass wir als Menschen dann am wirkungsvollsten seien, wenn wir unsere Fähigkeiten bündeln würden, ohne die Fähigkeit des anderen als Bedrohung anzusehen. Dem stimmte Gesine Schwan lächelnd zu und sagte, dass jeder, und da müsste die Schule mithelfen, sein Talent erkennen sollte. Jeder sollte der Tätigkeit nachgehen, die er LIEBT. Ja, sie sprach tatsächlich von LIEBE. Dieses subjektive Talent zu erkennen und dieses in eine Gruppe einzubringen sollte von der Schule gefördert werden, anstatt jeden einzeln und abgeschottet nach scheinbar objektiven Kriterien bewerten und auf die Ellenbogengesesellschaft vorbereiten zu wollen.
Ein bisserl merkwürdig fand ich, dass zweimal bei Gesine Schwan geschnitten wurde. Waren ihre Ausführungen zu brisant oder waren die Schnitte lediglich der Zeitknappheit geschuldet? Wie auch immer, wenn nicht irgendwer sich mal ausgedacht hätte, dass nur irgendwelche ernannten Wahlleute den Bundespräsidenten wählen dürfen, hätte Frau Schwan meine Stimme.
Moderiert wurde die Runde von Dieter Mohr, dem man ansah, dass er die Argumentation seiner Gäste teilte. Den Weg aus der Krise am eigenen Beispiel schilderte Jürgen Höller, Deutschlands ehemals erfolgreichster Motivationstrainer, der erst etliche Millionen und schließlich seine Freiheit verlor, weil er drei Jahre in den Knast wegen irgendwelcher Steuervergehen ging. Dieser schilderte sehr aufrichtig, welchen Weg eine Krise nehmen kann. Er sprach von anfänglicher Verzweiflung, dann davon, dass man einen Sinn darin suchen würde. Das ist nach meiner Ansicht auch etwas sehr Heilsames an einer Krise. Die Frage nach dem Sinn, die uns zu innerer Erkenntnis und zu Lösungen führen kann. Wichtig sei für ihn gewesen, dass seine Frau ihm in dieser Krise beigestanden hätte. Zumindest ein Mensch an seiner Seite, das würde helfen. Während Höller früher in seinen Seminaren propagiert hat, dass man sich selbst sagen sollte, dass man der Beste sei, sagt er nun, dass man das Beste aus sich herausholen solle. Persönlich sah er, dass das Streben nach Geld und Macht ein Irrtum war. Dies zu erkennen, ist seiner tiefen Krise hoch anzurechnen.
Komplettiert wurde die Runde durch Bernd Sprenger, einem Facharzt für Psychotherapie und Psychosomatik, der bemängelte, dass Krankenhäuser mittlerweile wie Konzerne arbeiten würden, dass sie das Konkurrenzprinzip praktizieren würden, und dass all das zu einem Mangel der Gesundheitsversorgung führe. Eine Abteilung würde der Anderen Wissen vorenthalten, Kollegen täten untereinander dasselbe, um einen scheinbaren Vorteil zu erhalten.
Wissen ist Macht. Geteilt kann es zu MACHT werden, denn schließlich kann man doch beobachten, dass alles sehr viel besser funktioniert, wenn jeder am Wissen beteiligt wird. Wir können jede Krise bewältigen, da war sich auch die Runde einig. Wichtig sei, dass die Rahmenbedingungen geschaffen seien, damit sich jeder mit seinem Talent in die Gesellschaft einbringen kann und dass tatsächlich jeder der Tätigkeit nachgehen kann, die er LIEBT. Mit LIEBE sei jede Tätigkeit ein Gewinn, wie es Jürgen Höller anhand einer Erzählung seiner akribischen und leidenschaftlichen Putzarbeit der Knasttoilette zeigte.
Abschließend wurde jeder Gast gefragt, welche Krise er nie erleben wollen würde. Höller und Uhlig-Romero gaben an, dass sie nicht erleben wollten, wie ihr Kind sterbe. Sprenger sagte, dass er kein zweites Nazideutschland erleben wollte. Meine erklärte Lieblingspolitikerin Gesine Schwan pflichtete diesen Ansichten bei, sagte aber, wie ich finde, etwas höchst Bemerkenswertes: Sie möchte nie erleben, dass sie ihren Glauben verliere.




