Einer der meistgesprochenen Sätze lautet “Ich hab´ keine Zeit!” Damit wird so ziemlich alles entschuldigt. Dass man nicht seinen Leidenschaften nachgeht, dass man Freundschaften vernachlässigt und nicht dass tut, was man liebt. Wir sind getrieben von den Anforderungen der Arbeit und des Alltags. Für mich ist Zeit allerdings keine Entschuldigung. Es ist alles eine Sache der Prioritätensetzung und der Aufmerksamkeit. Wir können jeden Moment dazu nutzen, aufmerksam zu sein, können den Moment dazu nutzen, ihn zu genießen, statt ihn durch innere Getriebenheit zu verpassen. Wir können uns Zeit nehmen. Es liegt an uns. Unser Zeitverständnis ist meines Erachtens nach sowieso ein großes Missverständnis, wozu ich mich in Kürze äußern werde. An dieser Stelle möchte ich ein schönes Beispiel präsentieren, dass zeigt, dass wir, innerlich getrieben, sogar an schönsten Momenten vorbeihasten. Nur wenn wir die Momente als Besonderheit präsentiert bekommmen, nehmen wir sie überhaupt als solche wahr. Diefolgende wahre Geschichte, die ich im Netz gefunden habe, wirft auch ein etwas anderes Licht auf meinen etwas missglückten öffentlichen Tanz.
++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++
In einem U-Bahnhof einer Großstadt auf diesem herrlichen Planeten an einem kalten Januar Morgen!
Ein Mann spielt mit einer Violine sechs Stücke von Johann Sebastian Bach in einer Zeit von fast 45 Minuten.
Während dieser Zeit gingen ungefähr zweitausend Menschen an ihm vorüber, die meisten auf dem Weg zu ihrer Arbeit.
Drei Minuten später: Ein Mann mittleren Alters nahm wahr, daß ein Musiker spielte. Er verlangsamte für wenige Augenblicke seine Schritte und blieb für Sekunden stehen, um dann schnell weiter zu hetzen, damit er seine Bahn noch erreichte.
Vier Minuten später: Der Musiker erhält seine ersten Münzen, eine Frau warf das Geld in den bereitstehenden Hut, ohne stehen zu bleiben ging sie weiter.
Sechs Minuten später: Ein junger Mann lehnte sich gegen die Wand und hörte hin, dann schaute er auf seine Armbanduhr und hetzte weiter.
Zehn Minuten später: Ein etwa dreijähriges Kind blieb stehen und lauschte, seine Mutter jedoch zog ihn geschwind hinter sich her. Das Kind blieb nochmals stehen und sah zu dem Musiker hin, doch die Mutter stieß ihn unsanft an weiterzugehen, wobei sich das Kind immer wieder zu dem Musiker umdrehte. Dieses Verhalten der Kinder wiederholte sich mehrmals, wobei die Eltern ohne Ausnahme ihre Kinder zwangen, schnell weiterzugehen.
Fünfundvierzig Minuten später: Der Musiker spielte ohne Unterbrechung. Nur sechs Menschen blieben eine kurze Zeit stehen, um zu lauschen. Ungefähr zwanzig Personen gaben Geld, gingen jedoch weiter, um ihren Zeitplänen nachzugehen. Der Musiker nahm eine Summe von etwa einem guten Mittagessen ein.
Eine Stunde später: Der Musiker hörte auf zu spielen, und „Stille“ kehrte ein, außer den normalen Geräuschen, die auf jedem U-Bahnhof zu hören sind. Niemand beachtete ihn. Niemand applaudierte, der Vorgang wurde nicht wahrgenommen.
Was niemand wußte: Der Musiker war der Violinist Joshua Bell, einer der weltbesten Musiker, der einige der schönsten Stücke spielte, die je komponiert worden sind, mit einer Violine, die etwa einen Wert von dreieinhalb Millionen US-Dollar hatte. Zwei Tage zuvor spielte Joshua Bell vor einem ausverkauften Konzerttheater in einer anderen Großstadt, wo der Preis für einen Sitzplatz durchschnittlich 100,–US-Dollar kostete.
Dies ist eine wahre Geschichte.
Joshua Bell spielte inkognito in der U-Bahnstation im Rahmen eines Experimentes unter dem Motto: „Sinnliche Wahrnehmung, Geschmack und die Prioritäten der Menschen“. Die Fragen, die dabei auftauchen: Können wir an einem alltäglichen Platz zu jeder Zeit Schönheit wahrnehmen? Können wir anhalten, um es zu genießen? Können wir das Talent in einer unerwarteten Umgebung wahrnehmen?
Eine der möglichen Schlußfolgerungen aus diesem Experiment ist: Wenn wir keinen Moment Zeit haben anzuhalten, um einem der besten Musiker unser Ohr zu leihen, um einer der schönsten Musik zu lauschen, die je komponiert wurde, gespielt auf einem der besten Instrumente die je gebaut wurden … was, ja was sonst vermissen wir dann noch?
Organisiert wurde diese Geschichte von der Washington Post als ein Teil einer Sozial-Studie.
++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++
Ich begreife immer nicht, wie wenig Wertschätzung öffentlichen Musikern entgegen gebracht wird. In der U-Bahn sehen viele noch nicht mal von der Zeitung auf, wenn neben ihnen wirklich tolle Musik gespielt wird. Wir müssen die Veränderung sein, die wir in der Welt wünschen, sagte Gandhi. Ich applaudiere dann als einziger, nicke den Musikern zu, gebe Ihnen Geld. Nicht jeder Kombo, nicht jeder, die einzig und allein aufgrund des Geldverdienens hastig spielend durch die U-Bahn flitzt, aber denen mit LIEBE und HINGABE. Ich möchte mich auf die wertvollen Momente konzentrieren, anstatt sie vorbeiziehen zu lassen. Denn dafür braucht man keine Zeit, sondern lediglich Aufmerksamkeit.




