Man lernt ja nie aus. Klingt wie ne jämmerliche Floskel, stimmt aber trotzdem. Dies stellte ich fest, als der eigentliche offene Abend bei MARYAM beendet war und wir uns noch mit ein paar Leuten um den Küchentisch gesellten. Lernen bedeutet dabei nicht, sich etwas zu merken, sondern vielmehr sich etwas gewahr zu werden, denn alles, worüber wir uns unterhielten, wusste ich eigentlich bereits. Aber zwischen Wissen und der Fähigkeit, dieses Wissen in sein Leben zu integrieren, besteht ein nicht ganz unerheblicher Unterschied.
Ach, vielleicht sollte ich erstmal berichten, wie überhaupt so ein offener Abend bei MARYAM verläuft. Das
wusste ich nämlich auch nicht, als ich dort vor etwa fünf Jahren zum ersten Mal mit pochendem Herzen klingelte und die sich öffnende Tür den Blick auf eine über das ganze Gesicht strahlende Frau freigab. Dieses Gesicht gehörte nicht MARYAM, aber ich spürte bereits eine ungespielte Herzlichkeit, die den ganzen Abend über Bestand hatte. Nach einer Begrüßung, dessen Wortlaut ich nicht mehr weiß, entledigte ich mich meiner Schuhe und Jacke und ging in einen mit meditativen Klängen erfüllten, sehr freundlichen, hellen Raum, in dem bereits einige Leute lächelnd um eine Massage-Liege saßen. Mein Erscheinen hatte keine spürbare Auswirkung. Keine Frage wurde an mich gerichtet. Die Teilnehmer versanken in ein stilles Gebet. Dann klingelte es an der Tür, ein junger Mann kam herein und legte sich zu meiner Verwunderung gleich auf die Liege. Für alle anderen schien dieser Vorgang so normal wie Zähneputzen zu sein. MARYAM, die am Kopf der Liege saß, legte ihre Hände über sein Gesicht, die anderen positionierten ihre Hände auf seiner Brust, seinem Bauch, seinen Armen, Beinen und Füßen und unterhielten sich über dies und das. Vermeintliche Nichtigkeiten wurden mit solch einer FREUDE ausgetauscht, dass ich mich an frühere Ecstasy-Sessions erinnert fühlte. Etwas unschlüssig darüber, was ich in diesem etwas bizarr anmutenden Setting tun sollte, fragte ich, was es denn damit auf sich hätte, dass da einer vor uns liegt. MARYAM lächelte mich an und sagte, dass wir durch Hand auflegen BEDINGUNGSLOSE LIEBE geben und gleichzeitig bekommen würden. Jeder könne sich einmal drauf legen, wenn er denn möchte. Wir könnten dazu schweigen oder sprechen. Wir könnten jede Frage stellen. Es gäbe keine Regeln. Sehr gut, dachte ich. Neuem nicht abgeneigt folgte ich dem Beispiel und legte beherzt meine Hände auf den Arm des Mannes. Alles war so LIEBEvoll, es gab keine bösen Worte, es herrschte so eine sanfte Stimmung, ich musste fast weinen vor Glückseligkeit. Später legte auch ich mich hin. Die auf mir liegenden Hände fühlten sich einfach himmlisch an.
Die Woche danach wandelte ich wie in Watte gehüllt. Ich fühlte mich innen wie frisch gewaschen an. Meine Umwelt konnte sein wie sie wollte. Ich ging durch die stressigsten Situationen wie durch einen wunderschönen Park im Sommer, gereizte Stimmung hatte keinerlei Auswirkung auf mich. Ich wusste danach, dass wir durch unser Innen einen gehörigen Einfluss auf unseren Umgang mit dem Außen haben. Ich wusste, dass wir im Innen unser Außen kreieren.
JETZT, Jahre später, ist diese Erkenntnis wieder auf mich zurückgeschwappt. Nicht das Lesen spiritueller Literatur, nicht das Anhäufen alternativer Informationen, nicht das Schielen auf Besucherzahlen oder Werbemaßnahmen für meine Sache ist es, worauf ich meine Zeit verwenden sollte. Das, was ich tun muss, und das wurde mir nach dem Gespräch in der Küche vollkommen klar, ist Arbeit. Arbeit an mir. Mit LIEBE. Dadurch, dass ich Resonanzen zu Negativem, zu Wut und Angst abbaue, verändere ich alles. Ich muss aktiv etwas tun. Von innen an mir arbeiten. Regelmäßig und diszipliniert. Was mir mitnichten leicht fällt. Zumal keiner da ist, der das vorgibt. Es liegt allein an mir. Keiner hat gesagt, dass der Weg leicht ist. Er kann leicht fallen, aber wir müssen bereit sein, ihn zu gehen. Ich möchte es tun.




