Hast Du auch das Gefühl, dass starre Regeln, so vernünftig sie auch sein mögen, eigentlich scheiß langweilig sind? Ich dachte in meinem Leben schon, von so gut wie allem abschwören zu müssen, weil es sich als spiritueller Mensch einfach nicht gehören würde: Dazu gehörte die Aufnahme von Kaffee, Alkohol, Fleisch, Gelatine oder Kiffen, die Ausübung von Sex, einfah aus der Motivation des Scharfseins, die Anwendung von Ironie, Fluchen oder dreckigen Scherzen. Tja, so dachte ich mal. Bei Dingen wie dem Sex oder der Ironie wurde ich ganz schnell eines Besseren belehrt.
Aber was ist mit den anderen Dogmen, die wir uns so auferlegen? Das stärkste Dogma meines Lebens bildete das Vegetarier-Sein. Irgendwann sagte ich auch, dass ich Vegetarier bin. Wenn wir sagen, Ich bin … ist dies die stärksmögliche Identifikation, zu der wir fähig sind. Deswegen sage ich auch nie, dass ich Gerald BIN, sondern dass ich Gerald heiße. Erscheint vielleicht spitzfindig, aber ansonsten würde ich mich mit der Story von Gerald identifizieren und nicht mit dem Umstand, dass ich KIND GOTTES oder einfach DA bin, was für mich weit herrlicher ist. Aber ich schweife ab. Mir war felsenfest klar, dass ich nie nie nie nie wieder in meinem Leben Fleisch essen würde. Wenn ich auf spirituellen Seminaren in den Pausen gesehen habe, dass jemand in eine Salamistulle biss, wurde mir ganz anders, weil ich dachte, dass der ja mal so gar nichts kapiert haben kann. Ist ja auch eigentlich so, dass wir in gewissem Stadium unserer Entwicklung gar nicht anders können als auf Fleisch zu verzichten, weil wir schließlich auch keine menschlichen Brüder und Schwestern verspeisen. Außerdem müsste doch jeder wissen, dass wir uns feinstofflich die Angst und die Qualen des Tieres gleich mit einverleiben.
Ja, das dachte ich und ich denke es im Großen und Ganzen immer noch so. Aber modifiziert! Jetzt denke ich, dass wir, wenn wir es für uns begriffen haben, verdammt noch mal machen können, was wir wollen. Dass wir einfach mal ein herzhaftes “Scheiß drauf” sagen und tun können, worauf wir Bock haben. So auch ich, der ich an Weihnachten den Tischgrill in die Küche trug. Mein “Fleisch” bestand vorher aus veganer Ente, die auch nicht viel weniger scheußlich als das gewesen sein konnte, was sich die Dschungelbewohner auf Rtl einverleiben müssen. Und als ich da so vor dem herrlich marinierten Fleisch stand, wallte plötzlich in mir eine diebische Freude auf… und bevor mein Verstand eingreifen konnte, schnappte ich mir ein Stück Huhn und schwupps, in den Mund damit! Seit über fünf Jahren zum ersten Mal! Und es schmeckte großartig! Ich stand alleine in der Küche und kugelte mich vor Lachen über so viel Keckheit meinerseits. Und zack, betörten unter stetigem Gegacker auch noch Speck und asiatisches Schwein meine Geschmacksknospen. Das war eine regelrechte Explosion in meinem Mund. Das Schöne ist, dass ich es nur gerade in diesem Moment machen wollte. Seitdem habe ich kein Fleisch gegessen. Wir müssen nicht das Eine oder das Andere sein. Nicht Vegetarier oder Karnivor. Wir können uns einfach unserer Ernährung bewusst sein und darüber hinaus machen, worauf wir Bock haben. Wir sind der Chef!
Neulich, zu Beginn des Jahres habe ich gefastet, was sehr schön war. Es ist wirklich empfehlenswert, so lange man auch Spaß und Erkenntnis dran hat. Wenn es quält, taugt es nichts. An meinem fünften Fastentag backten meine Kinder aus einem Kochbuch, das sie zu Weihnachten bekommen hatten. Muffins mit ordentlich dick Buttercreme drauf. Beim Fasten wird empfohlen, dies eine Woche zu tun und dann, ganz behutsam, einen Bratapfel zu essen. Aber warum soll denn jeder alles gleich machen? Als der Kuchenduft die Küche durchströmte dachte ich “Scheiß drauf” und brach mein Fasten mit Muffin und einem guten Pfund Buttercreme! Ich fühlte mich großartig! Wenn wir einfach mal ein herzhaftes “Scheiß drauf” sagen und einfach irgendeinen unvernünftigen Kram machen, leben wir unser Leben und lassen uns nicht von Dogmen diktieren, was wir zu tun und zu machen haben. Wie viele Menschen klammern sich an dusselige Regeln, die mal so gar kein Späßgen machen? Natürlich gibt es sinnvolle Regeln, aber diese bewusst zu brechen, ist sehr sehr lustig. Das Leben wird bedeutend bunter, wenn wir einfach mal beherzt “Scheiß drauf” sagen!
Wenn wir Risiken eingehen, gewinnen wir an Sicherheit. Zu diesem Schluss kommt auch mein Freund Carsten Jasner, der das sehr erhellende und unterhaltsame Buch “Mut proben” geschrieben hat, in dem er Menschen beschreibt, die Risiken eingehen. Durch seine Erfahrungen mit diesen Menschen und nicht zuletzt mit sich selbst, kommt er zu dem Schluss, dass Menschen und die Menschheit Risiken eingehen müssen, um weiterzukommen. Dass Risiko völlig zu Unrecht in Verruf geraten ist. Die Angst/Sicherheitsindustrie sorgt schon umfassend dafür. Selbst empirische Untersuchungen zeigen, dass es zur Natur des Menschen gehört, ein gewisses Wagnislevel auszureizen. Mein Sohn wird beispielsweise auf dem Fahrrad zunehmend sicher, indem er immer häufiger eine Hand vom Lenker löst. Wir müssen durch Erfahrung und nicht durch Vermeidung Sicherheit gewinnen. Dass dies wirklich einleuchtend ist, beschreibt “Mut Proben” und das auf wirklich witzige und unterhaltsame Weise. Kaufen!


